<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Der Dunkle Lord

<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Der Dunkle Lord

Nie würde Rambo Tichatschek den Tag vergessen, an dem Ernst Strasser in sein Leben getreten war.

Rambo Tichatschek lehnte seinen Kopf entkräftet gegen die Wand und seufzte tief. Er blickte hinaus auf das Stückchen Welt, das er durch sein kleines Fenster sehen konnte. So vertraut war es – und mit einem Mal doch so fremd. Schlappe sechs Monate erst war es her, dass diese, seine Welt noch vollkommen in den Angeln gewesen war. Aber seit der neue Sheriff in der Stadt war, war alles ­anders.

Rambo erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem der Neue plötzlich beim Mittagessen vor ihm in der Schlange gestanden und gefragt hatte: „Könnt ich zu meinen Fischstäbchen vielleicht einen schönen Riesling dazubekommen? Ein eher mineralischer wär mir recht.“
Dass es nicht klug gewesen war, den Neuen daraufhin schallend auszulachen, konnte Rambo damals wirklich noch nicht wissen. Wer hätte denn ahnen können, dass Rambo Tichatscheks Tage als Nummer eins im Vierer-Block spätestens in diesem Moment gezählt waren?
Wobei, wer weiß. Vielleicht brauchte sich der Rambo wegen dieser Verhöhnung des Gegners, mit der er unbeabsichtigt einen ungleichen Zweikampf eingeläutet hatte, gar nicht so einen Kopf machen. Einer wie der Strasser Ernstl, den sie bald alle nur noch „der Dunkle Lord“ nannten – sie hatten ursprünglich „Schwarzer Lord“ gesagt, sich aber dann mit einer Klagsdrohung des ÖVP-Generalsekretariats konfrontiert gesehen –, war eben mit allen Wassern gewaschen. Schon alleine acht Jahre an der Seite von ­Erwin Pröll gaben einem wahrlich genügend Lebenserfahrung, um auch im Häfen gleich zu wissen, wo es langging.

Außerdem, eines ist ja wohl auch klar: Das hier ist Österreich. Und in Österreich bist du ohne Partei auch im Häfen nirgends – eine Sträflings-Hackordnung ist ja praktisch ein Teil der öffentlichen Verwaltung. So brutal und skrupellos kannst du als Unabhängiger gar nicht sein – und nicht, dass sich der Tichatschek Rambo da nicht angestrengt hätte. Aber so schnell konnte er trotzdem nicht schauen, hatte der Ernstl auch schon immer frecher seine Hände auf allem. Baute sich eine Hausmacht auf, als sei das hier das Innenministerium. Und auf einmal ging nichts mehr ohne ihn.
Ob man nun in der Warteliste für „Shades of Grey“ in der Bibliothek ein wenig nach oben zu rutschen oder am Schwarzmarkt einmal wirklich scharfe Rasierklingen bekommen oder beim Hofgang immer auf der Sonnenseite bleiben wollte – auf einmal hieß es darauf ausschließlich: „Frag den Dunklen Lord!“ Mit einem Unterton, der sagte: „Wenn du Glück hast, hilft er dir. Aber nur, wenn du verdammtes Glück hast, Bruder.“

Als Rambo endlich merkte, dass ihm die Felle als Kapo davonschwammen, stellte er den Dunklen Lord vor den wie immer leicht verkohlten Fleischlaberln. „Wer glaubst du, dass du bist?“, herrschte er ihn an. Ernst zuckte kein bisschen zurück. Pfeilgerade sah er in Rambos Augen, als ­wären sie eine versteckte Kamera, und sagte dann schnarrend: „A lobbyist is a lobbyist.“ Und nach einer ausgedehnten Pause, die sich Rambo wie eine Python um den Hals legte und langsam zuzog, fügte er unmissverständlich hinzu: „Yes?“
Und dann spürte ihn der Rambo. Diesen certain smell. Und so sicher wie noch nie in seinem Leben wusste er: Da konnte er nicht mit.
Und ab diesem Zeitpunkt war der Ernstl also Fraktionsführer. Er war hart, aber gerecht. Man konnte durchaus gegen ihn sein, auf diese Feststellung legte der Dunkle Lord schon Wert. Man musste sich nur im Gegenzug bereit erklären, in der Phase, in der man noch einmal darüber nachdachte, dauerhaft auf Nahrung und Schlaf zu verzichten.

Außerdem war es natürlich klar, dass man auf die besten Jobs – in der Bibliothek oder in der Kanzlei – keine Chance hatte, wenn man in den Geruch einer nicht hundertprozentig erdbebensicheren Gesinnung kam. Es war fast wie in Niederösterreich.

Aber vielleicht, hoffte Rambo in seinen helleren Stunden, vielleicht könnte er den Dunklen Lord ja einmal in einem seiner seltenen schwachen Momente erwischen. Er hatte nämlich gehört, dass Ernstl während der Besuchszeiten immer etwas unkonzentriert sei – weil er sich so viel kränkte, dass keiner seiner Parteifreunde vorbeischaute. Rambo konnte das fast verstehen. Immerhin war er Fraktionsführer gewesen, als ihm dieses kleine Malheur passiert war. Und jetzt taten sie so, als hätten sie ihn nie gesehen und überhaupt keine Ahnung, wer er sei. Das hätte selbst einem harten Hund wie dem Rambo wehgetan, wenn einen die alte Gang so hängen lässt. Aber für Mitleid war hier nicht der richtige Ort. Irgendwann würde Rambo eine dieser Stunden, in denen der Rivale blind vor Schmerzen war, nützen und eiskalt zuschlagen.

Und wenn es nicht klappen sollte, sich solcherart den Thron im Vierer-Block zurückzuholen, dann blieb Rambo zum Glück ja wenigstens als Trost, dass der Dunkle Lord schließlich nicht ewig hier drinbleiben würde.
Andererseits: Wo er herkam, gab es sicher noch mehr von seiner Sorte.

rainer.nikowitz@profil.at