<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Der dritte Mann

Die Studenten streiken – und der zuständige Minister geht nach Brüssel. Grund genug, auch einmal mit Johannes Hahn kein Exklusiv-Interview zu führen.

profil: Herr Hahn, Sie haben die wohl aufregendste Woche Ihrer Karriere hinter sich.
Hahn: Na ja, es hat sich schon einiges getan. Aber wie ich damals in meiner dritten Woche bei Novomatic draufgekommen bin, dass aus diesen Automaten gar keine Kaugummis rauskommen, war ich auch ganz schön zerrüttet.

profil: Eigentlich hätte das Timing für Sie ja gar nicht besser sein können: Die Studenten besetzen die Unis – und Sie ereilt der Ruf nach Brüssel.
Hahn: Ja. Super, oder? Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, das eine hänge mit dem anderen zusammen.

profil: Das würde allerdings voraussetzen, dass man der Regierung koordiniertes Handeln unterstellt.
Hahn: Eh. Also vergessen wir das ganz rasch wieder.

profil: Hat man Ihnen aus Brüssel vielleicht schon signalisiert, welches Ressort Sie bekommen?
Hahn: Lassen Sie es mich so ausdrücken: Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie wurscht mir das ist!

profil: Welch ungeheure Ambition da durchklingt!
Hahn: Ambition? Jetzt sag ich Ihnen einmal was: Stellen Sie sich mich in einem Wahlkampf zwischen Häupl und Strache in Wien vor. Noch einmal: mich!

profil: Verstehe. Da nimmt man natürlich jedes Orchideenressort mit Handkuss.
Hahn: Nicht nur! Ich hab vorher schon überlegt, ob ich mich nicht auf Regalbetreuerin umschulen lasse.

profil: Und es stört Sie auch nicht, dass Sie als Drittbesetzung nach Brüssel übersiedeln, die niemanden begeistert – weil die SPÖ Molterer und Ferrero-Waldner in einem Aufwasch verhindert hat?
Hahn: Wie ich schon sagte: Stellen Sie sich mich in einem Wahlkampf zwischen Häupl und …

profil: Wenn Sie das jetzt noch einmal erwähnen, werde ich dieses bedrückende Bild in meinem Kopf nie mehr los.
Hahn: Jetzt wissen Sie, was mich seit Monaten regelmäßig aus dem schönsten Tiefschlaf hochschrecken lässt.

profil: Haben Sie eigentlich seit der Entscheidung für Sie als Kommissar schon Ihren ehemaligen Parteichef Willi Molterer getroffen?
Hahn: Bin ich verrückt? Ich gehe doch jetzt in der Dunkelheit nicht mehr aus dem Haus. Man weiß nie, aus welcher Ecke da eine Torte fliegen könnte.

profil: Und wer mit Zuckerguss Ihren Namen draufgeschrieben hat.
Hahn: Man muss ständig auf der Hut sein. Allerdings kann man das auch positiv sehen: So ein Griss um mich war schon seit dem Maturaball nicht mehr.

profil: Und damals auch nur, weil Ihnen jemand einen Zettel auf den Rücken gepickt hat, auf dem stand: „Zum Freibier – mir nach!“
Hahn: Aha! Muss ich etwa annehmen, dass Sie mit diesem nach wie vor ungeklärten Kriminalfall irgendetwas zu tun haben?

profil: Oh. Entschuldigung. Ich wusste ja nicht … Ich habe nur versucht, witzig zu sein.
Hahn: Man sollte endlich einmal ernsthaft Zugangsbeschränkungen für Kolumnisten andenken.

profil: Ja. Das hilft schließlich immer.
Hahn: Genau. Man muss mich nur machen lassen.

profil: Wem würden Sie denn am ehesten Ihre Nachfolge zutrauen? Im Ministerium und auch in der Wiener ÖVP.
Hahn: Nun, zum Ersten muss man bedenken, dass die Fußstapfen schon sehr groß sind.

profil: Ja. Wahrscheinlich waren sie nur damals nach Alfred Finz größer.
Hahn: Und außerdem betrachte ich das mittlerweile natürlich quasi aus der gesamteuropäischen Perspektive.

profil: Und das bedeutet?
Hahn: Ich kann Ihnen auch in diesem Fall gar nicht sagen, wie ungeheuer wurscht mir das ist.

profil: Dieses Gespräch besticht durchaus durch eine gewisse Redundanz.
Hahn: Willkommen in meiner Welt. Das denk ich mir seit Jahren nach jeder Verhandlungsrunde mit irgendwelchen Studenten.

profil: Man könnte den Eindruck gewinnen, dass Sie die Audimax-Besetzer nicht wirklich ernst nehmen.
Hahn: Waren Sie schon dort?

profil: Nein. Sie?
Hahn: Neugierig wäre ich schon gewesen, ob es dort wirklich so zugeht, wie alle immer von Studentenrevolten sagen. Freie Liebe …, flammende Reden … und dann freie Liebe …

profil: Na, dann gehen Sie halt hin.
Hahn: Das ist mir zu riskant. Aber ich hab sogar kurz überlegt, mich als jemand zu verkleiden, dem sie sicher nichts tun.

profil: Und wer wäre das gewesen?
Hahn: Alois Stöger.

profil: Warum sollte ausgerechnet der so gute Karten bei den Studenten haben?
Hahn: Weil keiner weiß, wie er aussieht.

profil: So ähnlich könnte es Ihnen in Brüssel auch gehen.
Hahn: Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ungeheuer …

profil: Danke für das Gespräch. Und: Gaudeamus igitur!
Hahn: Danke auch. Und: Puella cantat!

rainer.nikowitz@profil.at