<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Die Verfolgten

Justizopfer Uwe S. und Freunde auf der Flucht vor dem Gesinnungsterror.

Uwe erwachte, als die aufgehende Sonne den östlichen Himmel über dem namenlosen Tal in ein krankes Rosa tauchte. Sein Atem war über Nacht am Rand seines Schlafsacks zu bizarr gezacktem Raureif gefroren, mit etwas Fantasie hätte man die Wortfolge „Politisch Verfolgter“ erkennen können. Jetzt, im Oktober, machten die ersten Nachtfröste dem kleinen Trupp von verwegenen Freiheitskämpfern, diesem verrückten Haufen von Idealisten und Unbeugsamen, unerbittlich klar, dass der Winter vor der Tür stand.

Nun konnten sich die Opfer eines brutalen, die Meinungs- und Korruptionsfreiheit des Einzelnen mit grausamen ­Vernichtungsfeldzügen bedrohenden Regimes zwar darauf verlassen, dass sie von den Bauern in den nicht gleichgeschalteten Dörfern schon die kalte Jahreszeit über durchgefüttert werden würden. Allerdings gingen die braven Landmänner damit ein unerhörtes Risiko ein. Die Machthaber waren in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich. Wenn einer aus dem Widerstand auf ­einem Hof erwischt wurde, war der Bauer erledigt.

Dann konnte er mit absoluter Sicherheit davon ausgehen, bei der nächsten Mittelverteilung aus dem EU-Regionalfördertopf grausam geschnitten zu werden.

Im Sommer kam ihre verschworene Truppe meist ganz gut über die Runden. Kurt Scheuch, dem sie den Spitz­namen „Bärenkärntner“ gegeben hatten, war mit dem Maschinengewehr recht geschickt und besorgte immer Nachschub an Rot- wie auch Schwarzwild. An besonderen Festtagen – dem Jahrestag des FPÖ/FPK-Zusammenschlusses, dem Datum des Schandurteils gegen Uwe oder dem 8. Mai – gab es auch schon einmal Bison oder Känguru aus dem Wildpark Rosegg.

Im Sommer war es in den Wäldern überhaupt so, wie sie sich das bei ihrem Gang in den Untergrund ausgemalt hatten. Sie zogen im Land herum, verübten den einen oder anderen Anschlag auf die Infrastruktur – Harald Vilimsky hatte letztens in einer von allen Kameraden heftig akklamierten nächtlichen Kommandoaktion im Alleingang den Fahrplan der Postbus-Linie 73A entfernt und verkehrt ­herum wieder aufgehängt – oder die Systempresse – in den nicht mehr lange wohlig warmen Redaktionsstuben der Meinungsterroristen fragten sie sich sicher heute noch, ­warum am Sonntag, den 19. Mai 2013, in Möllbrücke schon um sechs Uhr Früh alle Selbstbedienungs-Zeitungsständer komplett leer gewesen waren – und vertrieben sich ansonsten die Zeit bis zum außer Frage stehenden Sieg der Revolution der Anständigen mit germanischen Trinkspielen oder Gerhard-Dörfler-Weitwerfen.

Und Uwe fand zwar, dass HC die Robin-Hood-Nummer mit seinen grünen Leggings etwas auf die Spitze trieb, andererseits brachte so eine Uniform auf den Bekennervideos, die der Rotfunk ab und zu auf Druck der nicht mehr länger schweigenden Mehrheit der Gebührenbefreiten ja doch ausstrahlen musste, vermutlich mehr Sympathiepunkte als eine mit Runen oder so. Und immerhin war HC da. Er war zu ihm gestanden.

HC hatte ja ursprünglich den Widerstand von Wien aus leiten wollen. Als die Repressalien des Machtkartells gegen die heimattreue Opposition damals immer schrecklichere Ausmaße annahmen und sie sich entschlossen, in den Untergrund zu gehen – den letzten Ausschlag hatte gegeben, dass Herbert Kickl bald nach der Gerichtsfarce mit Uwe in einer Kurzparkzone einen Strafzettel bekam, obwohl er garantiert mit dem Handy bezahlt hatte –, war schnell klar, dass man den Chef aus der Stadt bringen musste. Mit seinem Gesicht konnte man sich ja in keiner noch so klandestinen Großraumdisco sehen lassen.

In den dunklen Wäldern Oberkärntens war er in Sicherheit. Hier waren sie alle in Sicherheit, und alle konnten sie – bis auf Gerhard, der, seit er vor zwei Jahren auf der Suche nach nahrhaften Grillhendl-Resten beim Durchstöbern der Mülltonne des Zeltfests Feistritz auf ein „Krone“-Suchbildrätsel gestoßen war, ständig anderweitig beschäftigt war – das neue Österreich entwerfen. Ihr Österreich. In dem immer nur die anderen verknackt wurden – schon allein dafür, dass sie nun einmal die anderen waren.

Aber bis dahin war es noch ein weiter, entbehrungsreicher Weg. Uwe rollte den Schlafsack zusammen und band ihn an seinen Marschrucksack. Dann ging er zum Lagerfeuer, von dem es herrlich nach Harald Vilimskys Löskaffee duftete. Die anderen waren schon bei der Lagebesprechung. Heute stand wieder einmal ein entscheidender Schlag gegen das System auf der Tagesordnung. Sie würden in drei Bataillonen auf das Ziel vorstoßen. Gerhard Dörfler würde einen zentralen Angriff leiten – der allerdings eine Finte war. Denn im allgemeinen Chaos würden zwei andere Truppenteile, geführt von Kurt und Uwe, über die Flanken bis in den Rücken des Zielobjekts vorstoßen und es mit einem Angriff von hinten total überrumpeln.

Und dann, dann würde man schon sehen, wie lang der Maibaum vor dem Landesgericht Klagenfurt noch durchhielte. HC zwinkerte Uwe verschwörerisch zu. Sie würden diese schwere Zeit schon durchstehen. Irgendwie. Aber jedenfalls gemeinsam.

rainer.nikowitz@profil.at