<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Dies. Aber auch das.

<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Dies. Aber auch das.

Als ob die bisher bekannt gewordenen Nachrichten aus Capri nicht schon empörend genug gewesen wären, legen neue Ermittlungsergebnisse nahe: In Wirklichkeit war alles noch viel schlimmer!

Karl-Heinz Grasser, jener Mann, den führende Fachmedien wie „Vanity Fair“ immer noch für den fähigsten Finanzminister der EU-Geschichte halten – zumindest nach diesem einen Griechen, der die dortige Wirtschaftsressortleiterin so frappant an Brad Pitt in „Troja“ erinnert –, schaffte es dieser Tage zum wiederholten Male in seiner Karriere als It-Boy, in der Badehose für Aufsehen zu sorgen. Zum einen verwunderte schon einmal die Tatsache, dass ihn Fiona nach allem, was war, immer noch nach Capri mitnimmt. Und da heißt es immer, diese Reichen hätten kein soziales Gewissen. Darüber hinaus erregte das Urlaubsfoto aber vor allem deshalb Unmut, weil Grasser kurz nach dessen Entstehung eine Gerichtsverhandlung in Wien platzen ließ – wegen einer von einem Kinderarzt attestierten Lungenentzündung.

Als sich SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim ob dieser Ungeheuerlichkeit entschloss, kurz einmal die Gesetze etwas sommerlich-lockerer auszulegen, und anregte, Grasser doch in U-Haft zu nehmen – was angesichts der Tatsache, dass es sich bei dem abgesagten Gerichtstermin um ein von Grasser selbst gegen seinen ehemaligen Steuerberater angestrengtes Zivilverfahren handelte, eine ziemlich originelle Rechtsauffassung darstellt –, kannte er aber noch nicht einmal die ganze Wahrheit. Denn die ist ja noch viel empörender.

Grasser wurde nämlich in Wahrheit nicht nur einfach so in Badehose auf Capri gesichtet. Ein über jeden Zweifel erhabener Zeuge – ein Mitglied einer Busreisegruppe des SPÖ-Pensionistenverbandes, Ortsgruppe Marchtrenk, das wegen einer akuten Gichtattacke leider nicht am Ausflug zur Blauen Grotte teilnehmen hatte können und entsprechend missgelaunt von den Genossen in einer überteuerten Cafeteria zurückgelassen worden war – konnte eindeutig erkennen, dass KHG zum Gaudium etlicher entmenschter italienischer Tifosi auch noch einen hochgradig diskriminierenden Gaucho-Tanz vollführte. Nachdem sich diese unappetitliche Causa in den sozialen Netzwerken, also den absolut unfehlbaren Letztinstanzen für eh alles, rasend schnell verbreitet hatte, nahm sich endlich auch das deutsche Feuilleton – und damit die absolut unfehlbare Letztinstanz für eh alles außerhalb der Sozialen Netzwerke – ihrer an. Bisher hatten die Großkommentatoren zwischen „FAZ“ und „taz“ ja ein bedauerlich schwaches Interesse an KHG gezeigt. Angesichts dieser unentschuldbaren Unkorrektheit änderte sich das aber glücklicherweise, sicher auch sehr zur Freude von Hannes Jarolim. Die Kommentatoren schlossen sich seiner Forderung nach Verhängung der U-Haft unisono an und mutmaßten weiters, der Kinderarzt, der das Gefälligkeitsgutachten verfasst hatte, müsse ein besonders hässlicher Deutscher sein – und schon allein deshalb mit einem mindestens lebenslangen Berufs- wie auch Stadionverbot belegt werden.

Die österreichischen Grünen nahmen diese internationale Blamage Österreichs zum Anlass, eine Mahnwache vor der argentinischen Botschaft abzuhalten, bei der sie unter anderem die Forderung ventilierten, als Wiedergutmachung einen Teil der Einnahmen aus der hoffentlich bald kommenden Vermögenssteuer zur Abdeckung des argentinischen Budgetdefizits zu verwenden. Dies wurde allerdings vom ÖGB, der ja bekanntlich in Vermögenssteuerfragen vom Bundeskanzler mit ungeteilter Richtlinienkompetenz ausgestattet worden ist, mit folgendem Hinweis abgelehnt: „Unser Geld für unsere Leut!“ Den Hinweis darauf, dass es sich hiebei um ­einen abgekupferten FPÖ-Slogan handle, konterte ÖGB-Präsident Erich Foglar mit der Feststellung, dass er diesen Satz als SPÖ-Funktionär noch wesentlich enger sehe, als ihn die Blauen jemals gemeint hatten.

ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka war es vorbehalten, dieser Debatte einen gänzlich neuen Spin zu geben: Er forderte den Bundeskanzler auf, endlich aus seinem Keller herauszukommen und eine Lanze für Steaks von österreichischen Kühen zu brechen, denn die seien, kurz gebraten, schließlich genauso blutig wie die auf dem Weltmarkt unverdienterweise wesentlich bekannteren argentinischen. Und Didi Constantini, Ex-Trainer des österreichischen Nationalteams, erklärte in „Österreich“, die Argentinier sollten sich nicht anscheißen, denn wer Lionel Messi entgegen seinem ausdrücklichen Rat, der ihm beim Radfahren gekommen sei, nicht in der Innenverteidigung aufstelle, habe es nun einmal nicht verdient, Weltmeister zu werden, und müsse es dann auch aushalten, ordentlich verarscht zu werden. In eben dieser Zeitung meldete sich dann abschließend Grassers Gattin Fiona noch einmal zu Wort: Es sei eine irrsinnige Frechheit, KHGs Lungenentzündung zu bezweifeln: Es sei nämlich einfach wahnsinnig kalt auf Capri. Und, wie sie nunmehr angesichts dieser Debatte enttäuscht feststellen müsse: leider auch menschlich kalt.

Ja, und dann – dann war schon wieder eine ereigni­s­reiche Sommerwoche vorbei.

rainer.nikowitz@profil.at