Rainer Nikowitz: Auswärtsspielchen

Rainer Nikowitz: Auswärtsspielchen

Sultan Erdoğan plant wieder einmal, seine leider zu einem Leben in einer westlichen Demokratie gezwungenen Schäfchen zu besuchen und sie dabei gegen das Modell der westlichen Demokratie in Stellung zu bringen. Das sollte man ihm unbedingt gestatten.

profil: Herr Erdoğan …
Erdoğan: Aha, so ist das also. Wie war noch einmal Ihr Name?

profil: Wieso?
Erdoğan: Wegen der Anklageschrift und des Auslieferungsantrags.

profil: Was habe ich denn angestellt?
Erdoğan: Man spricht mich an mit: Oh Auserwähltester, neben dem der Glanz der Sonne verblasst, der du Lahme gehend machst und …

profil: Und wenn nicht?
Erdoğan: Ich bin noch lange nicht fertig.

profil: Das steht bei Ihnen in quasi jeder Hinsicht zu befürchten.
Erdoğan: Ich schwöre bei Allah, dem Allmächtigen: An dem Tag, an dem meine Westprovinzen, in denen du und deinesgleichen sich jetzt unglücklicherweise noch verstecken können, endlich auch auf dem Papier mir gehören, bist du dran, du Terrorist!

profil: Kolumnist.
Erdoğan: Das ist doch dasselbe. Fragen Sie den Korrespondenten der „Welt“, der jetzt gerade den hohen Standard unserer Gefängnisse aus nächster Nähe kennenlernt.

profil: Deniz Yücel, in Deutschland geboren, der aber leider den Fehler gemacht hat, neben dem deutschen auch einen türkischen Pass zu haben. Er hat despektierlich über den Energieminister geschrieben, der rein zufällig auch Ihr Schwiegersohn ist.
Erdoğan: Sag ich ja: ein Terrorist.

profil: Sie wollen demnächst wieder persönlich bei Auslandstürken um ihre Unterstützung für das Referendum im April werben, bei dem Sie sich zum Diktator krönen lassen und überdies die Todesstrafe für „Terroristen“ einführen wollen. Dem Vernehmen nach zuerst einmal in Deutschland.
Erdoğan: Viel zu lange habe ich meine tapfere Vorhut nicht besucht, die ein entbehrungsreiches Leben fern von mir und dem Paradies, das ich geschaffen habe, auf sich nimmt, um auf lange Sicht dem Osmanischen Reich wieder zu jener Größe zu verhelfen, die ihm zusteht. Ich weiß, wie sehr sich meine Kämpfer Tag für Tag danach verzehren, dass ich endlich komme und ihnen sage, was sie zu tun und zu lassen haben.

profil: Sie wollen also die Türken, die in einer westlichen Demokratie leben, persönlich vor Ort gegen das Modell der westlichen Demokratie in Stellung bringen. Finden Sie nicht auch, dass das selbst für Ihren hohen Standard auf diesem Gebiet bemerkenswert anmaßend ist?
Erdoğan: Ich werde nicht tatenlos dabei zusehen, wie der Westen meine Kinder stiehlt und ihre Herzen isst.

profil: Es sieht aber auch so aus, als wolle der Westen nicht mehr tatenlos dabei zusehen, wie Sie in Köln oder Wien ihr faschistisches Herumgegockel abhalten.
Erdoğan: Weil der Westen ein islamophober und antitürkischer Christenklub ist.

profil: Was denn auch sonst. Und damit, dass Sie vielleicht ein ganz besonders umgänglicher Türke und Muslim sind, kann es natürlich nichts zu tun haben.
Erdoğan: Es ist egal, was Sie sagen. Meine Kinder in den Westprovinzen stehen in unverbrüchlicher Treue zu mir.

profil: Und diejenigen, die es vielleicht doch nicht so vehement tun, werden von Ihren sympathischen Fanclubs wie ATIB ausspioniert und nach Ankara vernadert. In Deutschland haben Ihre Konsulate sogar Schüler aufgefordert, jegliche im Unterricht geäußerte Kritik an Ihnen am besten zu filmen und weiterzuleiten. Da drängt sich schon die Frage auf: Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?
Erdoğan: Ich bin der Auserwählteste, neben dem die Sonne verblasst, der Lahme gehend …

profil: Meine Schuld. Was frag ich auch.
Erdoğan: Ich trage mich mit dem Gedanken, nicht nur der Deutsch-Türkei sondern auch der Österreich-Türkei die Huld meines Besuches zukommen zu lassen. Wissen Sie vielleicht eine Halle, in der ich meine Schäfchen um mich sammeln kann, um ihnen umkränzt von einem stolzen türkischen Fahnenmeer den rechten Weg zu weisen?

profil: Vielleicht den Transitraum des Flughafens – bevor Sie wieder umdrehen und zurück in Ihr Paralleluniversum fliegen, in dem Ihnen die ganze Welt zu Füßen liegt?
Erdoğan: Noch eine solch unglaubliche Majestätsbeleidigung und ich kündige das Flüchtlingsabkommen.

profil: Dann könnte es aber auch sein, dass der Milliardenfluss aus der EU ins Stocken gerät.
Erdoğan: Ich bin auf euer dreckiges Kreuzritter-Geld nicht angewiesen.

profil: Natürlich nicht. Weil Wirtschaft können Sie ja auch ganz toll. Warum ist noch einmal die türkische Lira in den vergangenen Monaten dermaßen abgestürzt?
Erdoğan: Wegen der internationalen Zinslobby.

profil: Das ist auch Terror, oder?
Erdoğan: Schön, dass Sie das einsehen. Aber mildernde Umstände kriegen Sie trotzdem keine.

Dieser Artikel stammt aus dem profil Nr. 9 vom 27.2.2017. Das aktuelle profil können Sie im Handel oder als E-Paper erwerben.