Rainer Nikowitz: Erdo-Man

Rainer Nikowitz: Erdo-Man

Der Westen lässt den gebührenden Respekt für den türkischen Superhelden nach wie vor schmerzlich vermissen. Hier und jetzt wird das anders.

profil: Verzeihen Sie meine ebenso unwürdige wie bodenlose Unwissenheit – aber wie muss ich Sie eigentlich genau ansprechen, um Ihre bekannt fragilen Gefühle nicht zu verletzen?
Erdogan: Nun ja … Du bist nicht nur ein Ungläubiger, sondern auch noch Journalist. An sich ist also alleine deine Existenz schon eine schreckliche Beleidigung für mich.
profil: Das habe ich in aller Demut bereits befürchtet. Was machen wir jetzt mit mir?
Erdogan: Wir sperren dich ein und foltern dich. Nach streng rechtsstaatlichen Prinzipien selbstverständlich.
profil: Das entspricht aber leider zumindest den österreichischen rechtsstaatlichen Prinzipien nicht zur Gänze.
Erdogan: Ich weiß. Wie ich diese Entwicklungsländer satthabe! Dann machen wir das also wenigstens nach den türkischen Prinzipien für unabhängigen und mutigen Journalismus: Ich stelle mir die Fragen selbst.

profil: Das ist ebenso weise wie sympathisch – einfach Erdogan eben. Und was mache ich?
Erdogan: Du darfst zwischendurch ab und zu in frenetische Sprechchöre mit geschmackvoller Kriegslyrik ausbrechen. Und mir am Ende, wenn alles gutgegangen ist, den Staub von den Schuhen lecken – dich also so verhalten wie die große Mehrheit der mündigen, demokratischen Austro-Türken, die von euch Kreuzritter-Nazis jetzt so schändlich verleumdet werden.
profil: Nie wurde mir größere Ehre zuteil!
Erdogan: Ich muss zugeben, dass du für jemanden, unter dem in der Schöpfungsordnung eigentlich nur noch die Frauen stehen, eigentlich ganz brauchbar bist. Aber fangen wir jetzt doch endlich an, ich habe gleich nachher ein paar Handauflegungen und Spontanheilungen. Erste Frage: Oh du Herrlichster unter den Herrlichsten, du, dessen Licht die Welt mehr erleuchtet als die Sonne, du Klügster unter den Klugen, gesalbt mit Weisheit, Erkenntnis, Sex-Appeal …

profil: Bei allem Respekt: Das mit den Spontanheilungen nachher könnte knapp werden.
Erdogan: Spüre ich hier jetzt doch den widerwärtigen Geist islamophober Insubordination?
profil: Nein, natürlich nicht. Allah möge mir die Zunge im Schandmaul verdorren lassen!
Erdogan: Gut. Wo war ich stehengeblieben?
profil: Beim Sex-Appeal.
Erdogan: Ah ja. Nun, gerade den könnte man natürlich noch tagelang preisen, aber hier die Frage: Ist die Türkei, die du, Auserwählter, gefor mt hast, jetzt das großartigste Land auf der Erde – oder das herrlichste?
Erdogan: Das ist eine sehr gute Frage. Wenngleich sie selbst für mich sehr schwer zu beantworten ist. Ich würde sagen: beides.
Erdogan: Hervorragend! Ich danke für das Gespräch. Es wird für immer der Höhepunkt meines Lebens bleiben.

profil: Äh …, das war’s?
Erdogan: Es ist alles gesagt, was die Welt wissen muss.
profil: An sich natürlich schon, ja. Aber ich schreibe für ein österreichisches Magazin. Ich bräuchte noch ein bisschen etwas mit Österreich-Bezug. Also vielleicht ein paar anmaßende bis arrogante Forderungen, religiös verbrämte Paranoia, unverhohlene Drohungen … so ein kleines Best-of türkischer Außenpolitik.
Erdogan: Hmm. Nun gut, also: Der österreichische Kanzler, der sich aufgrund seiner lächerlichen westlichen Weltsicht absurderweise als irgendwie gleichgestellt mit dir, oh du schönste Blüte in Allahs Rosenstrauß, betrachtet, will die EU nicht der Türkei beitreten lassen. Was soll mit diesem Mann passieren?
Erdogan: Die Beantwortung dieser Frage überlasse ich meinen braven Kindern in Österreich. Jetzt kommt dein Einsatz, Wurm. Der Sprechchor, los!

profil: Oh, natürlich. „Sag es, und wir töten! Sag es, und wir sterben!“
Erdogan: Ah, wunderbar! Ich kann es richtig hören, wie die Straßen Wiens unter diesem Ruf erbeben!
profil: Leider hat dieses Erbeben dazu geführt, dass jetzt vermutlich ungefähr 99 Prozent aller nicht-türkischen Österreicher finden, man sollte Erdogans braven Kindern doch nahelegen, ihre diversen lebensbeendenden Bereitschaften in Istanbul oder Ankara auszuleben. Und zwar, wenn’s geht, dauerhaft.
Erdogan: Kreuzritter!
profil: Und Nazis!
Erdogan: Oh, wie ich diese rechtsextremen Antidemokraten satthabe!
profil: Sie sagen es, oh …, oh … verdammt, jetzt gehen mir langsam die Superlative aus.
Erdogan: Das kann ich überhaupt nicht leiden. Ich denke, wir beenden das besser, bevor noch jemand zu Schaden kommt. Außerdem muss ich jetzt wirklich zur Handauflegung.
profil: Eine Frage noch: Was machen Sie eigentlich, wenn da einer mit Hämorrhoiden kommt?
Erdogan: Lauf!

rainer.nikowitz@profil.at