Rainer Nikowitz: Farblos

Rainer Nikowitz: Farblos

Die Koalitionskandidaten Rudolf Hundstorfer und Andreas Khol liegen in allen Umfragen weit zurück. Da hilft wohl nur mehr eines: Alexander Van der Bellens Beispiel folgen – und flugs „unabhängig“ werden.

Bundespräsidentschaftskandidat Andreas Khol überraschte heute bei einer bis dahin erwartungsgemäß ereignislos verlaufenen Wahlveranstaltung in St. Radegund im Innviertel mit der Aussage, er kenne überhaupt keinen Reinhold Mitterlehner. Und habe auch nicht vor, einen Menschen dieses Namens jemals kennenzulernen. Auf die launige Nachfrage eines zufällig anwesenden Lokaljournalisten, der eigentlich zur Präsentation des neuen Löschzuges der Freiwilligen Feuerwehr des nahe gelegenen Gilgenberg am Weilhart gewollt hatte, dann aber von einem eingefahrenen Nagel im linken Vorderreifen außerplanmäßig gestoppt worden war, die da lautete: „Aber was die ÖVP ist, wissen Sie hoffentlich schon noch?“, antwortete der nächste neuerdings unabhängige Kandidat: „Von der hab ich natürlich schon einmal gehört, ja. Aber wenn Sie mir da jetzt irgendeine unappetitliche Verstrickung andichten wollen, hören Sie von meinem Anwalt!“

Darauf hingewiesen, dass in mehreren historischen Quellen unabhängig voneinander ziemlich eindeutige Hinweise auf seine Tätigkeit an der Seite eines gewissen, mittlerweile vorrangig in der Gerichtsberichterstattung ansässigen Herrn Peter Westenthaler als Klubobmann in Wolfgang Schüssels schwarz-blauer Heilsregierung auftauchten, verwies Khol zuerst – seinen nach persönlicher Einschätzung so gut wie sicheren Sieg bei der Wahl vorwegnehmend – auf einen seiner Vorgänger als Bundespräsident: „Kurt Waldheim hat sich 1986 auch nicht an jede unbedeutende Episode seines ereignisreichen Vorlebens erinnern können. Und hat er nicht trotzdem gewonnen?“ Schließlich räumte er aber doch ein, dass da möglicherweise unter Umständen vielleicht etwas weitgehend Vernachlässigbares gewesen sein könnte – erklärte diesen „kleinen Lapsus“ aber umgehend als Three-Quarter-Life-Crisis-bedingt: „Ich war noch nicht ganz so alt und brauchte das Geld.“


Ohrenzeugen berichteten einhellig, Hundstorfer sei hinter der Bühne von seinem Pressesprecher über die geänderte Situation unterrichtet worden.

Und im Übrigen gelte natürlich nach wie vor das Diktum eines der größten Österreicher überhaupt, eines besonders belesenen und ebenso umwerfend klugen wie ausufernd sympathischen Staatsmannes, der einst völlig richtigerweise gesagt habe: „Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit.“

Rudolf Hundstorfer erfuhr von der neuen Entwicklung in diesem für ihn bisher so überaus zufriedenstellend verlaufenen Wahlkampf am Rande einer Enquete zum Thema „Wachstumsmotor Frühpension“ in der ehemaligen Konsum-Filiale in Wien-Kaiserebersdorf, in der heute der linke Wirtschafts-Thinktank „Rote Zahlen“ untergebracht ist, nachdem er gerade sein heftig akklamiertes Impulsreferat beendet hatte. Es lautete übrigens: „Eh!“

Ohrenzeugen berichteten einhellig, Hundstorfer sei hinter der Bühne von seinem Pressesprecher über die geänderte Situation unterrichtet worden und habe dann kurz seinem Ärger darüber Ausdruck verliehen, dass die SPÖ schon wieder, wie auch in der Flüchtlingskrise, die letzte Partei sei, die schnalle, dass es Zeit für eine elegante 180-Grad-Drehung sei. Er habe sich aber rasch gefangen und dann ausnehmend professionell reagiert – nämlich mit einer eleganten 180-Grad-Drehung. Er trat nochmals ans Rednerpult, weil er, wie er es ausdrückte, noch etwas Persönliches loswerden wolle, etwas, das schwer auf seinen Schultern laste: Dass nämlich der politische Gegner eine „Campaign“ gegen ihn führe, deren Kernpunkt es sei, ihm permanent eine politische Nähe zur SPÖ anzudichten.


In Neapel wäre er wohl der Mafia beigetreten, meinte Hundstorfer. In Wien sei es halt das lokale Äquivalent geworden.

Hundstorfer räumte allerdings ein, dass man bei nur oberflächlicher Betrachtung seiner Vita diesem Trugschluss schon aufsitzen könne. Er bedauerte auch ausdrücklich, in jungen Jahren in die Fänge des Wiener Magistrats und der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten geraten zu sein, verglich aber seine diesbezügliche Karriere mit dem Schicksal anderer unsicherer, ihren Weg noch suchender Jugendlicher, die auf die schiefe Bahn kommen: „Man muss si des amoi einteilen: Da kommt einer und verspricht dir alles – Pragmatisierung, Zulagen für jede schnelle Bewegung, a Super-Pension mit 50, a Wohnung … Da muss man scho a Herz ham wie a Rudel Wildpferd, um dem allen zu widerstehen.“ In Neapel wäre er wohl der Mafia beigetreten, meinte Hundstorfer. In Wien sei es halt das lokale Äquivalent geworden.

Auch seine späteren Tätigkeiten als gewerkschaftlicher Bankabwickler und sozialministerlicher Zankabwiegler relativierte der hoffnungsfrohe Kandidat deutlich. Beiden Tätigkeiten sei in der Öffentlichkeit viel zu viel Augenmerk geschenkt worden. In Wirklichkeit sei er schon in dieser Zeit innerlich total unabhängig und ansonsten sowieso die meiste Zeit in der Lobau wandern gewesen.
Somit bleibt also nur mehr Norbert Hofer als letzter dezidierter Parteikandidat übrig. Er ist allerdings wiederum insofern ziemlich besonders, als er zumindest im Herzen eigentlich Germane ist – also quasi emotional unabhängiger Ausländer. Was für eine Wahl!

rainer.nikowitz@profil.at