Rainer Nikowitz: Fragen Sie Frau Erna!

Rainer Nikowitz: Fragen Sie Frau Erna!

Die profil-Lebenshelferin berät diesmal mutige Theaterdirektorinnen, verantwortungsvolle Klubobmänner und arbeitsscheue Satiriker.

Liebe Frau Erna!
Wie Sie sicherlich den Medien entnommen haben, wollen Richard Lugner und seine gerade aktuelle Gattinnenkomparsin als First Couple kandidieren. Nun bin ich als Satiriker bei einem bekannten österreichischen Wochenmagazin tätig und hege die starke Befürchtung, dass man von mir eine pointengespickte Würdigung dieser Tatsache erwartet. Die Sache ist nur die: Ich will nicht. Was raten Sie mir?
Mit freundlichen Grüßen
Rainer Nikowitz
1020 Wien

Lieber Herr Nikowitz!
Zum einen darf es als wissenschaftlich gesichert gelten, dass bei jedem Lugner-Witz 100.000 Gehirnzellen absterben – und zwar bei dem, der ihn macht! Ähnlich ausgeprägt ist dieses Phänomen nur bei Witzen über die Moonboots von Hansi Hinterseer und beim Durchblättern der Tageszeitung „Österreich“ (Durchblättern wohlgemerkt; das tatsächliche Lesen kann hier auch zum sofortigen Totalverlust führen). Andererseits ist das aber nun einmal Ihr Job. Also reißen Sie sich verdammt noch einmal zusammen! Und melden Sie sich gegebenfalls wieder, wenn Sie insgesamt nur mehr 100.000 haben.
Beste Grüße
Ihre Frau Erna
*
Sehr geehrte Frau Erna!
Manchmal möchte man an diesem Land schon verzweifeln: Da prescht die ÖVP mutig voran und fordert kaum eine Woche nach der FPÖ, man möge eine Garantie in die Verfassung schreiben, dass es für immer und ewig Bargeld in Österreich geben wird – schon kommen die üblichen Kleingeister und meckern herum, dass das völlig sinn-
entleerter Populismus sei, weil wir uns das sowieso einrexen könnten, wenn die EU ein Bargeldverbot beschließen würde. Wie soll man da bitte verantwortungsvolle Politik machen?
Verärgert
Reinhold Lopatka
ÖVP-Mastermind

Sehr geehrter Herr Lopatka!
Ja. Wie denn nur?
Hochachtungsvoll
Frau Erna
*
Liebe Frau Erna!
Wie Sie sicherlich den Medien entnommen haben, hat HC Strache vergangene Woche bei seinem Alle-Jahre-wieder-Auftritt im Bierzelt in Ried wieder voll arge Sachen gesagt. Nun bin ich als Satiriker bei einem bekannten österreichischen Wochenmagazin tätig und hege die starke Befürchtung, dass man von mir eine pointengespickte Würdigung dieser Tatsache erwartet. Die Sache ist nur die: Ich will nicht. Was raten Sie mir?
Mit freundlichen Grüßen
Rainer Nikowitz
1020 Wien

Werter Herr Nikowitz,
Sie schon wieder! Was raunzen Sie eigentlich da dauernd herum? Jetzt passen Sie einmal auf, ja? Gerade in Zeiten wie diesen haben die Menschen ein Recht auf Unterhaltung mit Haltung, auf eine Kunst, die keine falsche Rücksichtnahme kennt und schonungslos den Finger in die Wunden legt! Und was tun Sie? Verweigern sich einfach Ihrer ureigenen Aufgabe und lassen die armen, verunsicherten Menschen mit dem Rechtsruck ganz allein! Sie sollten sich was schämen!
Verärgert
Frau Erna
*
Geschätzte Frau Erna,
die Direktion des Volkstheaters war leider gezwungen, das Stück „Homohalal“ des in Wien lebenden kurdisch-syrischen Autors und Nestroy-Preisträgers Ibrahim Amir schon vor der Premiere vom Spielplan zu streichen. Seine Zukunftsvision befasst sich nämlich auch mit reaktionären Ansichten, die angeblich mitunter von Migranten vertreten werden – und hat zu allem Überfluss nicht einmal ein Happy End! Sie werden mir wohl zustimmen, dass eine solche Dystopie sicherlich kein geeignetes Mittel zur Auseinandersetzung mit der Zukunft schutzsuchender Menschen in Österreich ist. Jetzt fallen aber natürlich wieder die anti-fortschrittlichen Kräfte über mich her und bezichtigen mich der angeblichen linken Zensur nicht genehmer künstlerischer Äußerungen zur Flüchtlingsproblematik. Halten Sie diesen Vorwurf nicht auch für einen Skandal?
Mit besten Grüßen
Anna Badora
Direktorin des Volkstheaters
1070 Wien

Liebe Frau Badora,
ich bin natürlich voll und ganz auf Ihrer Seite. Gerade in bewegten Zeiten wie diesen haben die ohnehin schon verunsicherten Menschen ein Recht auf Unterhaltung mit der richtigen Haltung, auf eine Kunst, die sehr wohl Rücksichtnahme kennt und den Finger auch einmal auf den Mund legt. Sie haben völlig recht, anstatt dieses Machwerks – verfasst von jemandem, der ganz offensichtlich keine Ahnung hat, wovon er da schreibt – die „Brooklyn Memoiren“ von Neil Simon auf den Spielplan zu setzen, da diese glücklicherweise in sicherer Entfernung von fast 80 Jahren von heute spielen und sich auf nachgerade rührende Weise mit dem Thema Migration beschäftigen. So muss zeitgemäße und mutige Kunst!
In Bewunderung
Ihre Frau Erna