<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Gebrüder Grimmig

Die ultimative, exklusive Homestory: zu Gast bei Kurt und Uwe Scheuch.

Kurt Scheuch hatte eben im Rahmen seines täglichen Trainings im ersten Anlauf das Telefonbuch von Möllbrücke zerrissen und war im Begriff, sich jenem von Hermagor zuzuwenden, als sein ­Bruder Uwe in den Fitnessraum stürzte und mit schreckgeweiteten Augen und breitem Grinsen ausrief: „Mamma mia!“

Nun kannte Kurt seinen Bluts- und – nachdem er den ­elterlichen Bauernhof gemeinsam mit ihm in der ersten rein germanischen WG seit Fasolt und Fafner bewohnte – auch Bodenverwandten gut genug, um zu wissen, dass sich Uwe eines solch entgeisterten Ausrufs in einer nicht heimattreuen Sprache nicht leichtherzig bediente.

Allein: Die Gründe hiefür konnten mannigfaltig sein. Eine Möglichkeit, die infrage kam, war, dass Uwe gerade erfolglos versucht hatte, Gerhard Dörfler etwas Kompliziertes zu erklären. Zum Beispiel den Unterschied zwischen vorne und hinten. Vielleicht hatte Uwe auch die Meldung von einem Konfidenten im hinteren Gurktal erreicht, derzufolge sich der örtliche Filialleiter der Hypo weigerte, die Feierlichkeiten anlässlich des dreiwöchigen Bestehens der FPK mit einer freiwilligen Spende in der Höhe von mindestens 10.000 Euro für die brauchtumsfördernde Tombola zu unterstützen. Möglicherweise war ihm auch sein Auto gestohlen worden.
Das schloss Kurt allerdings zu nahezu hundert Prozent aus. Schließlich war Uwe Derartiges noch nie passiert.

Kurt beschloss, sein Krafttraining für heute zu beenden, und wandte sich dem feinmotorischen, koordinativ wichtigen Teil zu. Gerade dieser war für einen Mann in seiner Position klarerweise unabdingbar. Er öffnete das samtige Futteral, das angesichts der Rasanz der Entwicklung in den letzten Wochen noch immer in knalligem Orange gehalten war, und strich liebevoll über seinen Satz hochwertiger Wurfmesser, den er von einem Artisten aus Mecklenburg-Vorpommern bekommen hatte, dessen Wanderzirkus vor zwei Jahren in Mühldorf Station gemacht hatte.

Der Mann hatte damals betont, wie sehr er Kurts politischen Stil schätze. Und außerdem war ihm seine weißrussische Partnerin während der Nachmittagsvorstellung zwischen dem dritten und vierten Wurf von der Drehplatte weg verhaftet und auf die Saualm verbracht worden. Kurt warf das erste Messer auf das Porträtfoto Josef ­Buchers, das in einer Ecke neben einer künstlerisch wertvollen Aufnahme von Samantha Fox hing, die Kurt schon in seiner frühen Jugend durch so manche kalte Mühldorfer Nacht gebracht hatte. Er traf nicht nach Wunsch. Aber zumindest hatte dieser rechtsliberale Flachwurzler jetzt wenigstens nicht mehr dieselbe Frisur wie Karl-Heinz Grasser.

„Wos is passiert?“, fragte Kurt, wie gewohnt nicht eben erfreut. Das letzte Mal, als er so richtig erfreut gewesen war, musste wohl 1998 gewesen sein, als sich der Knecht zum Dank dafür, dass er nach dem Diebstahl einer Zwetschke nicht ausgepeitscht worden war, bereit erklärt hatte, ein Jahr umsonst zu arbeiten. Allerdings war der Kerl ein halbes Jahr später einem Herzinfarkt erlegen. Ein weiterer Beweis dafür, wie unzuverlässig der Slawe war. Uwe grinste immer noch breit. Das hatte aber nichts weiter zu bedeuten, er bekam es einfach nicht mehr weg, seit er als Zehnjähriger mit Kurt gewettet hatte, dass er sehr wohl ein Salzstangerl quer in den Mund hineinbringen würde – und gewonnen hatte. „Der Parteitag!“, stöhnte Uwe. Kurt warf sein zweites Messer. Der Bucher auf dem Foto würde nun wohl auf dem rechten Ohr taub sein. Aber das war ja der echte schon lang.
„Wos is mit dem Parteitag?“

Uwe ging langsam zu Buchers Foto und starrte seinen Kontrahenten kalt an. „Alle wollen sie was“, sagte er dann. „Rederecht. Geheime Abstimmung über mi. Über mi! Is dos zum glauben? Und manche wollen sogar Anträge ­stellen.“ Kurt verstand die Nöte des Bruders nur allzu gut. Früher war das alles irgendwie einfacher gewesen. Das hatte der Opa oft erzählt. „Und außerdem“, fuhr Uwe fort, „außerdem hab i a neiche Umfrage gekriagt. I bin bei der Bevölkerung auf den Zehntel­prozentpunkt genauso beliebt wie …“ Er stockte und grinste betroffen zu Boden. „Wolfgang Schüssel? Stefan Petzner? Tito?“, riet Kurt, ein eher unerfreuliches Ergebnis antizipierend.
„Naa“, sagte Uwe enttäuscht, „wia Hämorrhoiden.“ Kurt fühlte instinktiv, dass es nun doch an der Zeit war, den Bruder zu trösten. „In Karntn schaut dos sichalich anders aus“, sagte er. Uwe schüttelte den Kopf. „Dos war in Karntn. In ganz Österreich gwinnen die Hämorrhoiden.“

Umfragen! Kurt schnaubte verächtlich. Hatte man früher etwa Umfragen gemacht? Nein. Damals hatten die Untertanen auch so gewusst, was sich gehörte. „Pfeif drauf“, sagte er mit diesem gefährlichen Unterton, der schon in Knittelfeld die Musik gemacht hatte. „Heute gehört uns Kärnten. Und morgen …“ Er stoppte. Uwe grinste. Kurt ging zu Buchers Foto, zog die Messer heraus und steckte sie sorgfältig in sein Futteral zurück. „Und außerdem“, sagte er dann, „kumman die da mit zum Parteitag.“ Und Uwes Grinsen wurde ein wenig breiter.

rainer.nikowitz@profil.at