<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Gelebter Parlamentarismus

Es war wieder einmal einer von diesen Tagen im Parlament. Gesetzesbeschlüsse bis zum Abwinken und kein Licht am Horizont.

Das Apothekerkammergesetz. Das wirklich Interessante am Apothekerkammergesetz war ja, wie der Abgeordnete fand, dass die deutsche Sprache nur höchst unzureichende Formulierungen für den Fall bereithielt, dass er jemandem erklären wollte, wie unendlich wurscht ihm das Apothekerkammergesetz war. Diese Eigenschaft teilte das Apothekerkammergesetz im Übrigen über weite Strecken mit dem Arbeitsinspektionsgesetz. Und auch mit der Änderung der Nationalratsgeschäftsordnung, die heute als 32. und letzter Punkt auf der Tagesordnung stand.

Bitte, der Abgeordnete sah ja ein, dass man für sein Geld etwas arbeiten musste. Sollte. Aber gleich zwei Tage hintereinander? Bis nach Mitternacht?
„Pst!“, machte der Abgeordnete. Der Koalitionspartner checkte am Laptop gerade das Wetter auf Barbados und hörte ihn nicht. „Pssst!“, wiederholte der Abgeordnete mit einer Eindringlichkeit, die er ansonsten nur an den Tag legte, wenn der Trachtenmusikverein aus seiner Heimatgemeinde das traditionelle Platzkonzert zu seinem Geburtstag machte und die Marketenderin ihr Fässchen schon nach dem sechsten Obstler wieder wegpacken wollte. Der Koalitionspartner sah von seinem Laptop auf. „Wer stört?“, sagte er launig.

„Wie isses in Barbados?“, fragte der Abgeordnete. „Wie schon. Sonnig. 31 Grad. Eh wie immer.“ „Warum schaust dann dauernd nach?“ Der Koalitionspartner verdrehte die Augen und blickte in Richtung des undichten Parlamentsdachs. „Die Champions-League-Ergebnisse kann i schon auswendig, inklusive der Gelben Karten und der Minuten, in denen sie verteilt worden sind. Bei der Versteigerung von der Peter-Alexander-Autogrammkarte auf eBay tut si scho seit vier Stunden nix Neues. Und in 14 Tag bin i auf Barbados.“

Der Koalitionspartner begann leise den unsterblichen STS-Hit „Und irgendwann bleib i dann durt“ vor sich hin zu summen, um den Abgeordneten ein wenig zu provozieren. Dieser wechselte rasch das Thema.
„I hab a Idee“, sagte er mit sardonischem Grinsen. „Punkt 23 der Tagesordnung. Mach ma amoi was Verrücktes. Seien wir dagegen!“
Der Koalitionspartner nestelte die Tagesordnung unter seinen Zeitungen hervor. „Wirtschaftstreuhandberufsgesetz“, las er stockend. „Wie kann ma da dagegen sein?“

Der Abgeordnete spürte mit einem Mal das Feuer der frühen Tage in ihm lodern. „Keine Ahnung! Aber andererseits: Wie kann ma dafür sein? Denk amoi nach: 58 Gesetze sollen wir in zwei Tagen beschließen. Bei den meisten hamma keinen Tau, was drinsteht. Wir sind nur eine willenlose Abstimmungsherde. Schafe sind wir, jawohl. Schafe.“ Der Koalitionspartner verstand nicht, worauf der andere hinauswollte: „Jo …, eh!“, sagte er. „Und?“ „Aber jetzt stell dir einmal vor, wenn wir zwei morgen in der Zeitung stehen! Als Helden! Die Abgeordneten X und Y stemmten sich mannhaft gegen den unseligen Klubzwang und stimmten aus Gewissensgründen nicht zu! Das ist gelebter Parlamentarismus. Respekt!“ Der Koalitionspartner sah unschlüssig auf seinen Laptop. In der Zwischenzeit hatte es in Barbados 32 Grad. „Gewissensgründe? Beim Wirtschaftstreuhandberufsgesetz? Und ­außerdem: Mei Klubobmann haut mir das Kreuz ab. Nix da: ducken, Hand heben, nächster Punkt. So und net anders mach i des. Weil wenn wir des net alles ruck, zuck beschließen, geht si Barbados nie aus.“

Der Abgeordnete runzelte mäßig begeistert die Stirn. So ganz allein wollte er den Parlamentarismus auch wieder nicht zum Leben erwecken. Er sah sich um. Kollegin F war gerade dabei, Kollegin S, die zwei Reihen vor ihr saß, ein SMS zu schreiben, in dem stand: „Also, wenn du mich so fragst: Brad Pitt. Der ist nicht so ein Softie wie Johnny Depp.“ Kollege K wiederum war gerade in eine heftige Diskussion mit Herrn G verstrickt. Soweit ihn der Abgeordnete verstehen konnte, war K voll und ganz überzeugt davon, dass die „FdH“-Diät immer noch deutlich über die metabolische zu stellen sei. Aus dieser Ecke war wohl auch keine Unterstützung zu erwarten.

Aber irgendetwas musste man doch tun! Irgendwer musste doch einmal aufstehen und allen hier die Schuppen von den Augen reißen! Als er vor 22 Jahren ins Parlament gekommen war, hatte er gewusst, dass sein Tag kommen würde. Jener Tag, an dem er allen zeigen würde, aus welchem Holz er geschnitzt war. Und dieser Tag war verdammt noch mal heute.

Sein Klubobmann schlurfte langsam und eher zurückhaltend motiviert den Gang entlang. „Jetzt oder nie!“, dachte der Abgeordnete. „Du, Chef?“, sagte er, weil er wusste, dass der Klubobmann von seinen Getreuen gerne „Chef“ oder „Big Boss“ oder auch „Halbgott“ genannt wurde. „Du, Chef? Es warat wegen dem Wirtschaftstreuhandberufsgesetz …“ Der Klubobmann blickte kaum auf. „Ja“, sagte er mit schwacher Stimme. „I weiß. Aber denk immer dran: ab morgen – sieben Wochen Urlaub!“ Zufrieden sank der Abgeordnete in seinen Sessel zurück. Zumindest konnte ihm niemand mehr vorwerfen, er hätte es nicht probiert.

rainer.nikowitz@profil.at