<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Gnade des Vergessens

Ein ereignisreiches Leben zwischen wichtigen und weniger wichtigen Akten. Aus dem Tagebuch eines Staatsanwalts.

16. Februar
Tigere mich seit Wochen volle Wäsche in die Ermittlungen wegen des Datendiebstahls beim früheren Bundesminister Strasser hinein. Böse Geschichte das. Bei solchen Fällen, die einem ob ihrer Ruchlosigkeit und Brutalität wirklich die Haare zu Berge stehen lassen, frage ich mich manchmal im Stillen, ob uns andere Rechtssysteme nicht doch überlegen sein könnten. Zum Beispiel das weißrussische. Ganz zu schweigen vom saudi-arabischen! Auf meinem Tisch liegt neuerdings so ein komischer Haufen Papier. Er sieht aber zum Glück nicht so aus, als ginge er mich was an.

7. April

Habe heute ein Interview mit Gerhard Dörfler im Fernsehen gesehen und daraufhin sämtliche Verfahren gegen ihn mit sofortiger Wirkung eingestellt. Weitere Veranlassungen meinerseits sind nicht notwendig, denn Gott sei Dank bin ich weder Arzt noch die Caritas, noch für Anträge auf Sachwalterschaft zuständig. War heute übrigens auch mit meinem alten Schulfreund Werner Amon eine Runde golfen. Das kann er also auch nicht.
Der Haufen Papier auf meinem Tisch trägt einen Eingangsstempel! Das ist jetzt aber blöd. Sollte demnächst vielleicht einmal hineinschauen. Andererseits aber auch wieder­um nicht.

12. Mai

Habe heute diesen einen provokanten Oppositionspolitiker im Fernsehen gesehen. Bin am Überlegen, ob ich nicht von Amts wegen wegen fahrlässigen Dagegenseins gegen ihn ermitteln sollte. Nun könnte man natürlich einwenden, er sei immun. Aber wie sage ich in solchen Fällen immer: Nobody’s perfect! Bundesminister a. D. Strasser hat zart, wie es seine Art ist, angefragt, ob die Mühlen der Gerechtigkeit in seinem Fall denn schon kräftig mahlten. Mit meiner Antwort „Ja und nein!“ zeigte er sich außerordentlich zufrieden. Sieht so aus, als hätte jemand heute in seiner Karriere einen gewaltigen Schritt nach vorne getan. Werde gleich Fritz Kaltenegger anrufen und fragen, ob wir aus diesem erfreulichen Anlass heute Abend nicht vielleicht bei einem stillen Mineral einmal so richtig die Sau rauslassen sollten. Ach ja: Der Haufen Papier ist immer noch da. Ich denke, er versucht durch seine hartnäckige Anwesenheit, ein Bedrohungsszenario aufzubauen, unter dem ich irgendwann zusammenbrechen soll. Aber nicht mit mir.

26. Juni
Habe heute erstmals diesen mysteriösen Haufen Papier amtsbehandelt.
Dass jetzt meine Fernsehzeitschrift auf ihm draufliegt, lässt ihn gleich viel freundlicher aussehen. Am Abend kommt übrigens „Petrocelli“. Ich liebe es, wenn die Guten gewinnen!

10. August

Die Befragung der traumatisierten Polizisten, denen ein 14-jähriger Schwerstkrimineller rücklings in einen quasi senkrecht in die Luft abgefeuerten Warnschuss hineingesprungen ist – so ein unglaubliches Pech muss man auch erst einmal haben –, wurde heute abgeschlossen. Sie sagten beide: „Nein.“ Weitere Ermittlungen sind mit Rücksicht auf die ohnehin schon eminenten Belastungen, denen die beiden durch die Versetzung in den Innendienst und überhaupt ausgesetzt sind, nicht zu verantworten. Außerdem ist es heiß. Habe beim Lüften das Aufziehen eines Gewitters zu spät mitbekommen. Ein Windstoß hat meine Fernsehzeitschrift und das Deckblatt des Papierhaufens vom Tisch geweht. Konnte durch geistesgegenwärtiges Schließen der Augen gerade noch verhindern, mehr als die Worte „Amtsmissbrauch“ und „Strasser“ lesen zu müssen. Konnte mich am Abend aber nicht einmal mehr an die erinnern … Äh, wo war ich gerade?

2. September

Wenn es nach mir ginge, gehörte der Pilz ja … ding. Ich meine, wie stehen denn all die durch die Veröffentlichung der Strasser-Mails in Misskredit gebrachten, hervorragend qualifizierten Menschen, denen er einen Job verschafft hat, jetzt da? Gut, ich kenne diese Mails ja nur aus der Zeitung. Wenn mir die jemand auf den Tisch gelegt hätte, dann wüsste ich ja noch viel mehr Ungeheuerlichkeiten. Aber so.

14. Oktober

Heute hab ich beim Scrabble-Spielen mit Martin Bartenstein beim Wort „Aal“ kurz daran denken müssen, dass sich damals tatsächlich immer wieder einmal jemand die Mühe gemacht hat, Karl-Heinz Grasser wegen irgendwas anzuzeigen. Und irgendein Schlaumeier könnte da ja jetzt wieder auf Ideen kommen. Manche lernen’s ja nie.

22. November

Habe heute diese atemlose, knisternde Spannung, die hier drin seit Ewigkeiten herrscht und die vorzugsweise dann entsteht, wenn Recht gerade wieder einmal so richtig Recht bleibt, nicht mehr ausgehalten und mir mannhaft diesen Haufen Papier zur Brust genommen.
Verjährt! Na geh …

rainer.nikowitz@profil.at