Rainer Nikowitz: Grexitus

Rainer Nikowitz: Grexitus

Bei den bisherigen Griechenland-Verhandlungen hat man offenbar großflächig aneinander vorbeigeredet. Aber beim kommenden Gipfel der letzten Chance wird das sicher ganz anders sein.

Merkel: Also, Herr Kollege: Welche Vorschläge haben Sie uns zu machen?
Tsipras: Nun, sehr interessante, wie ich denke. Mein – wie ich weiß von Ihnen allen außerordentlich geschätzter – Finanzminister Yanis Varoufakis hat mir da ein Papier zusammengestellt … Ja, da ist es ja.

Merkel: Wow. Das ist ja vielleicht ein Stoß.
Tsipras: Sonst heißt es ja gleich wieder, dass die Griechen unvorbereitet gekommen sind!

Merkel: Okay. Das fängt ja eigentlich ganz erfreulich an. Dann lassen Sie mal hören.
Tsipras: Gut. Ich möchte meine heutigen Ausführungen mit einer genauen Analyse der niederländischen Tulpenkrise von 1637 beginnen.
Dijsselbloem: Oh mein Gott!
Tsipras: Aha! Kaum geht es einmal gegen ein anderes Land und nicht immer nur gegen uns arme, entrechtete, vom Raubtierkapitalismus durchgekaute und wieder ausgespuckte Hascherln, will es keiner hören.
Dijsselbloem: Was hat die Tulpenkrise vor 400 Jahren denn bitte mit der jetzigen Situation zu tun?
Tsipras: Oh, sehr viel! Zum ersten und wichtigsten: Auch damals waren die Griechen nicht schuld. Und zum zweiten war das die erste richtige Spekulationsblase, aus der man viele Schlüsse ziehen kann, um den Kapitalismus zu überwinden.

Merkel: Wir haben aber jetzt so akut eigentlich gar nicht vor, den Kapitalismus zu überwinden.
Faymann: Na ja. Also ich hätte nichts dagegen.

Merkel: Ja. Aber Sie fragt keiner.
Tsipras: Ich finde es sehr bedauerlich, dass so wenig auf die Ideen Griechenlands eingegangen wird. Ich meine, sind wir jetzt Partner oder nicht?

Merkel: Wir hätten aber lieber Ideen gehört, die verhindern, dass Griechenland Bankrott geht.
Tsipras: Ach so, das. Na ja, das ist eine leichte Übung.
Dijsselbloem: Tatsächlich? Jetzt auf einmal? Nach monatelangen fruchtlosen Verhandlungen?
Tsipras: Ja. Gebt uns einfach das Geld und wir reden nicht mehr drüber. Und dann sind wir euch auch nicht mehr länger böse.
Faymann: Na also, es geht doch! Spitzen-Idee, find ich. Woll ma abstimmen?
Tsipras: Und wenn diese kleine Formalität erledigt ist, dann lasst uns über die Tulpenkrise sprechen.
Hollande: Mein lieber Freund, wie Sie wissen, betreibe ich ja selbst höchst erfolgreich antikapitalistische Politik. Dennoch muss auch ich sagen: Nicht einmal ich will jetzt etwas über die Tulpenkrise hören.
Faymann: Also ich schon. Mir gefallen Tulpen. Nicht so gut wie Nelken, aber nach den Nelken, da kommen gleich die …
Tsipras: Also gut. Griechenland beweist wieder einmal seinen guten Willen. Dann eben keine Tulpenkrise. Aber dann möchte ich wenigstens die Hamburger Handelskrise von 1799 aufarbeiten.

Merkel: Bloß nicht!
Tsipras: Typisch. Nur nichts gegen die Deutschen sagen, was? Oh, ihr seid ja sooo perfekt mit euren Autos und Kühlschränken und dem ganzen anderen Mist, von dem offenbar leider die ganze Welt glaubt, dass sie ihn braucht.

Merkel: Aber warum glaubt die Welt das denn?
Tsipras: Na, weil wir den Kapitalismus noch nicht überwunden haben!
Merkel: Ach so. Und ich dachte, weil die Dinger gut funktionieren.
Tsipras: Ich bin immer wieder erstaunt, auf welch niedrigem akademischen Niveau hier über Wirtschaftspolitik geredet wird.
Hollande: Sagen Sie, mein Freund, stimmt es, dass das griechische Parlament befindet, die Schulden seien „illegal, illegitim und verabscheuungswürdig und ein Verstoß gegen die fundamentalen Menschenrechte der Griechen“? Und dass sie deshalb auch nicht zurückgezahlt werden müssten?
Tsipras: Ja, das stimmt.
Hollande: Na bravo.
Tsipras: Ich verstehe den hier mitschwingenden Sarkasmus nicht ganz. Kann man das denn überhaupt anders sehen?
Hollande: Nun ja, man könnte meinen, dass eventuell niemand den Griechen 320 Milliarden geliehen hätte, wenn er geahnt hätte, wie fundamental er damit gegen ihre Menschenrechte verstößt.
Tsipras: Nein, nein. Das Leihen geht schon in Ordnung. Das könnt ihr alle ruhig weiter tun – sofern ihr unsere Bedingungen akzeptiert natürlich. Das Zurückzahlen! Das verstößt gegen die Menschenrechte.

Merkel: Und was ist mit den Deutschen, die dann ihr Steuergeld nicht wiedersehen? Was ist mit den Menschenrechten von denen?
Tsipras: Ach, kommen Sie! Gerade bei den Deutschen muss man das nicht so eng sehen.
Dijsselbloem: Bekommen wir hier schon wieder nur weltfremdes Blabla zu hören? Gibt es nicht irgendeinen konkreten Lösungsansatz?
Tsipras: Natürlich.
Dijsselbloem: Welchen, verdammt?
Tsipras: Na gut: Bei der Tulpenkrise 1637 zeigte sich erstmals, dass …
Faymann: Ich glaub ja, heute wird’s was!