<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Grünspan

<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Grünspan

Die Grünen verstehen, zum wiederholten Mal in letzter Zeit, die Welt nicht mehr – weil die Welt sich zunehmend weigert, sie zu verstehen.

Glawischnig: Ma, jetzt reißt mir aber der Geduldsfaden! Dieser Cengiz Kulan is scho wieder frech.
Lunacek: Wer is des no amoi schnell?

Glawischnig: Der Chef von unserer Jugendorganisation.
Lunacek: Ah so! Aber sag, wozu ham wir eigentlich no extra junge Grüne? Des simma doch selber. Voll unangepasst und total aufmüpfig … und alles. Was hat er denn gsagt?

Glawischnig: Stell dir vor, der klane Goscherte findet unser „Eva“-Jugendmagazin dämlich. Er meint, wir tragen damit zur Verblödung der Wähler bei.
Lunacek: Was? „Das grüne Mädchenmagazin. Auch für Jungs“? Des is doch voll cool! Wie des „Bravo“ in den Siebzigern.

Glawischnig: Und es schaut sogar so aus!
Lunacek: Schon allein des da: „So schmust Europa – der Reiseführer für scharfe Zungen!“ Oder wo die Sigi Maurer erklärt, warum Studieren ursuper ist: „Die durchdiskutierten Nächte, warum eine wissenschaftliche Theorie scheiße oder super ist“. Oder: „Die Freiheit, auch mal drauf zu scheißen und statt in die Vorlesung raus in die Sonne zu gehen.“ Also, wenn des net der heißeste Scheiß is, dann weiß i net.

Glawischnig: I mag ja die Foto-Lovestory am liebsten. Wo der Typ mit der verkehrten Baseball-Cap sagt: „Dudes, ich muss wieder zurück nach Polen. Hier in Österreich ist die Arbeitsmarktsituation voll crappy!“
Lunacek: Und bei den zehn Lieblingsfußballmannschaften von Werner Kogler steht, wie es sich gehört, die Frauenmannschaft von Neulengbach an erster Stelle! Vor Barcelona. I hab gar net gwusst, dass die Fußball spielen. In Barcelona.

Glawischnig: Der ultimative Kick is aber des beigelegte Kondom aus Fair-Trade-Latex. Damit werma diese peinlichen NEOS endgültig in die Schranken weisen.
Lunacek: Jessas na, die Neoliberalen! Die junge ÖVP für Alte. Dass ma uns mit denen um den vierten Platz streiten müssen, is eigentlich unter unserer Würde.

Glawischnig: Kapitalismusversteher.
Lunacek: Großkonzernbüttel.

Glawischnig: Chlorhendlfresser.
Lunacek: Wenn die was zu reden hätten, dann tät der 16-Stunden-Tag wiederkommen. Und Kinderarbeit in Bergwerken!

Glawischnig: Wenn die Wählerstromanalyse wieder zeigt, dass unsere Wähler in Scharen zu denen rennen, dann müss ma mit unseren Wählern amol dringend a ernstes Wort reden. I mein, so kann’s ja net gehen. Wenn ma moralisch gefestigt ist.
Lunacek: I hab überhaupt des Gefühl, dass unsere Wähler nimmer des san, was sie einmal waren. Jetzt glauben ja sogar viele von denen, dass sie unsere Strasser-Plakate kritisieren können. Sogar der Strobl. Oder der Bürstmayer.

Glawischnig: Mir steht des scho bis da her! Des haben s’ bei den Plakaten mit diesen ur-liaben Lamperln bei der Nationalratswahl ja a scho gmacht.
Lunacek: Wir sollten jetzt amoi klarstellen, dass wir die san, die kritisieren – aber keinesfalls die, die kritisiert werden. I mein, was is des auf einmal für eine verkehrte Welt?

Glawischnig: Drum ham wir jetzt auch dem Kulan ein Auftrittsverbot erteilt. Damit er sieht, dass die Bäume net in den Himmel wachsen.
Lunacek: Wem?

Glawischnig: Na, dem Jung-Grünen da!
Lunacek: Ah so, ja. Tschuldige, mei selektives Gedächtnis. Unwichtige Sachen merk i mir einfach net. Wo wollt er denn auftreten?

Glawischnig: Bei Podiumsdiskussionen in Schulen. Des wär einfach inakzeptabel, wenn der dann am Podium net angemessen über unser „Eva“ enthusiasmiert wär.
Lunacek: Sowieso. Wo kämen wir denn da hin? Da würden ja die Schüler ein völlig falsches Bild von uns bekommen.

Glawischnig: Aber des kritisieren s’ jetzt halt a wieder, diese ganzen Berufsprotestierer. Wegen der Meinungsfreiheit und so.
Lunacek: Unfassbar! Dabei würd des doch bitte jede andere Partei ganz genauso machen.

Glawischnig: Wobei man aber natürlich schon festhalten muss, wie grundlegend wir uns von anderen Parteien unterscheiden.
Lunacek: Da müss ma gar nix extra festhalten, das versteht sich von selbst. Weil wir … Weil wir?

Glawischnig: Na ja … Weil wir anders sind?
Lunacek: Genau! Voll unangepasst und total aufmüpfig … und alles.

Glawischnig: Und wenn no amol einer sagt, dass wir a spießige Paternalistenpartei sind, dann krieg i an basisdemokratischen Auszucker!
Lunacek: Höchste Zeit! Weil no vor ein paar Jahren hätt si des niemand traut.

Glawischnig: Nie! Aber leider ändert si halt alles.
Lunacek: Nur wir net.
Glawischnig: Und so soll es bleiben!

rainer.nikowitz@profil.at