<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Hymnische Kritiken

Endlich befasst sich die Politik wieder mit wirklich wichtigen Themen.

Nachdem sich in der Politik nun endlich die Einsicht durchgesetzt hat, dass es sich bei Hymnen keineswegs um durchgehend sinnbefreites und triefend pathetisches Nationalismus-Tralala handelt, für dessen nüchterne Absingung ohne Peinlichkeitskrämpfe man entweder eine Mensurnarbe, ein öffentliches Amt mit Wiederwahlaussicht oder schlicht gute Magennerven sein Eigen nennen sollte, sondern dass vielmehr mit der zumindest teilweisen Änderung von Hymnen-Texten die großen Probleme des Landes zügig gelöst werden, gibt es kein Halten mehr.

So fanden die SPÖ-Frauen, vom feministischen Coup von Klassenfeindin Maria Rauch-Kallat mit den Töchtern in der Bundeshymne zuerst auf dem linken Fuß erwischt, nach einer Schrecksekunde, in der man sich in nächtelangen Krisensitzungen mit einem großen Binnen-I rituell selbst geißelte, heraus, dass in der Salzburger Landeshymne vom „Land unserer Väter“ gesungen wird. Glückselig forderten sie in Person ihrer Salzburger Vorsitzenden „dringend“ eine Änderung auf ein gendermäßig unbedenkliches „Land unserer Eltern“ ein – wenngleich die Variante „Land unserer Eltern und der am Rande der Armutsgrenze befindlichen Alleinerzieherinnen“ hoffentlich noch nicht ganz vom Tisch ist.

Da kann HC Strache, der schließlich auf die Themenführerschaft seiner FPÖ achten muss, klarerweise nicht nachstehen. Seine Hauptstoßrichtung ist die Europahymne. Die Zeile „Tochter aus Elysium“ sei erstens eine Verhöhnung aller Söhne und, gerade in Zeiten wie diesen, aller nicht griechischen und nicht italienischen Nettozahler. Deshalb werde Andreas Mölzer in der nächsten Sitzung des Europaparlaments den Antrag einbringen, dies auf „Kind aus Walhall“ zu ändern. Strache kritisierte weiters auch den „plumpen Versuch selbst ernannter linkslinker Intellektueller“, seine Wähler in der österreichischen Bundeshymne durch die inaktzeptable Wendung „Land der Hämmer“ zu diskreditieren, und schließt die gallige Frage an, ob denn diese Paula Preradovic überhaupt eine gültige Aufenthaltsbewilligung vorweisen könne.

Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll wiederum ist mit dem Text der blau-gelben Landeshymne zwar im Großen und Ganzen zufrieden, vor allem mit dem Beginn der zweiten Strophe:

Sollten allerdings seine geliebten Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher mit der dringenden Bitte an ihn herantreten, man möge doch einen klareren Hinweis darauf einfügen, dass sich dieser Satz selbstverständlich auf ihn persönlich beziehe, werde er sich diesem Wunsch als Urdemokrat nicht lange entziehen können, ließ Erwin Pröll am Rande der Verleihung des Erwin-Pröll-Ordens in Platin für Verdienste um Erwin Pröll an Erwin Pröll durchklingen.

In Eisenstadt ist indes eine Kontroverse um die burgenländische Landeshymne ausgebrochen. Landeshauptmann Hans Niessl sieht zwar bei der Zeile „Rot war der heißen Herzen Spruch, die für die Heimat starben!“ vorerst keinen Änderungsbedarf, weil Rot an sich ja eh super sei, räumte allerdings auf Nachfrage ein, dass er keine Ahnung habe, was das eigentlich bedeuten soll. In diesem einen Punkt ist er sich mit den Vorsitzenden von ÖVP und FPÖ einig, die allerdings eine Bevorzugung der SPÖ orten, weil sie diejenigen in ihren Reihen, die mit heißem Herzen für die Heimat starben – zu einer Zeit, als man auf sein heißes Herz für eine gerechte Sache noch stolz sein konnte –, nicht ausreichend gewürdigt sehen.

Am reformfreudigsten auf diesem bislang sträflich vernachlässigten Gebiet der heimischen Innenpolitik zeigt sich aber natürlich wieder einmal Kärnten. Der Kärntner ­Landeshymne wurde ja schon einmal nachträglich eine vierte Strophe hinzugefügt, 1928, aus gegebenem Anlass:

Nunmehr möchte die FPK die ersten drei Strophen austauschen. Zum einen stammen sie von einem gewissen Herrn von Gallenstein, ein Name, der, so Bildungsreferent Uwe Scheuch, falsche Assoziationen in Bezug auf Kärnten wecken könnte. Und zum anderen fänden sich in dem Text komplizierte Wendungen wie „Pomonens schönster Tempel“ und Ähnliches. Maria Millonig, die Dichterin der vierten Strophe, sei ja nun leider längst verstorben, aber man werde sich bemühen, in einem Wettbewerb jemanden zu finden, der dem Geist entspräche, den die große Kärntner Künstlerin in ihrer Liebeserklärung an die blutige Grenze, aber auch in diesem Werk gezeigt habe:

Die Ausschreibung wird in der angesehenen Literaturzeitschrift „Aula“ erfolgen. Und ja, auch Frauen dürfen ­teilnehmen.

rainer.nikowitz@profil.at