<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
I am from Austria

Nicht einmal im Traum hätte der Franz im Jahr 2010 gedacht, dass sich seine Zukunft so entwickeln würde.

Als die griechische Krise ausbrach, hatte sich der Franz zwar auch über diese arbeitsscheuen Südländer geärgert, die den ganzen Tag Sirtaki tanzten und in Ouzo badeten, bis sie dann mit 48 Jahren und 120 Prozent ihres letzten Gehalts in Pension gingen – und jetzt aus ihm nicht begreiflichen Gründen mit seinem Geld gerettet werden mussten. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben: Dass Rapid damals gegen die Austria verloren hatte, hatte ihn mehr zerrüttet.

Auch als Portugal folgte, war ihm das noch wurscht gewesen. Als sich aber dann wenig später herauskristallisierte, dass die EU Spanien nicht auch noch derheben würde, ging alles wahnsinnig schnell.

Zuerst hatte sich der Franz ja sogar noch gefreut, als es hieß, der Euro sei jetzt Geschichte. Er rechnete sowieso immer noch in Schilling und hatte dieses neumoderne Spielgeld nie leiden können.

Auch als an einem Montag seine Bankfiliale nicht mehr aufsperrte, hatte er noch gedacht, es sei deswegen, weil dieser Montag ein Fenstertag war. Er hatte sich ja schließlich auch einen Tag Krankenstand genehmigt. Seit er beim Stadtgartenamt pragmatisiert war, musste er das ja alles nicht mehr so eng sehen.

Dann merkte er aber rasch, dass seine Bank gar nicht mehr aufsperrte. Wie alle anderen Banken in Europa auch. Und als ihm schließlich so ein Wirtschaftsheini im Fernsehen erklärte, dass seine Bank das Geld, das er auf dem Sparbuch hatte, ja in Wirklichkeit gar nicht in einem Tresor aufbewahrte, sondern dass es jetzt einfach weg war, bekam der Franz einen richtigen Zorn. Und der wurde nicht kleiner, als der Finanzminister sagte, mit der staatlichen Einlagen­sicherung sei das so eine Sache. Die gelte nämlich nur, solange man sie nicht in Anspruch nehme.

Als sie ihm bald darauf beim Stadtgartenamt erklärten, auf seine wohlerworbenen Rechte werde jetzt aber so was von gepfiffen und man brauche jetzt wirklich keine Beamten mehr, die ein astreines Parallelogramm aus Tulpenzwiebeln bauen konnten, wunderte ihn gar nichts mehr.

Er war ja keineswegs der Einzige, der plötzlich auf der Straße stand. Alles ging den Bach hinunter. Und als HC Strache in seiner Antrittsrede sagte: „Ich kann euch nichts geben. Kein Glas zum Einschenken. Nichts. Aber bitte glaubt an dieses Deutsch-Österreich!“ – da wusste der Franz, dass es irgendwie an der Zeit war zu gehen.

Und jetzt saß er bei der Einwanderungsbehörde in Astana vor einem Beamten, der aussah wie Borat und ihn nicht verstand. „I am from Austria“, sagte der Franz zum hundertsten Mal. Und: „Asyl!“

Es war nicht sein erster Versuch, ins gelobte Ausland zu kommen. Vor sieben Monaten schon hatte er, vom Vorarlberger Frastanz kommend, nachts stromaufwärts die eiskalte ­Samina durchschwommen und war so über die grüne Grenze nach Liechtenstein gelangt. Allerdings war er bei seinem Versuch, bei einer Briefkastenfirma in Vaduz als Postbote Arbeit zu finden, sofort als vollkommen ortsunkundiger Fremder enttarnt und an einem Rafting-Floß festgebunden die Samina stromabwärts wieder abgeschoben worden.

Also hatte er beschlossen, diesmal Nägel mit Köpfen zu machen und die Sache anders anzugehen. Der Schlepper seines Vertrauens hatte ihm erzählt, dass in Südkasachstan gerade Schafhirten mit einem österreichischen Pflichtschulabschluss total gesucht waren. Arbeitsbewilligung würde es natürlich keine geben, aber er könne um Asyl ansuchen und dann schwarzarbeiten.

Borat bellte ihn barsch an und zeigte immer wieder auf ein Plakat, das an der Wand hing. Franz zuckte hilflos mit den Achseln. Hatten die keinen Dolmetscher hier? Was war das für ein unglaublicher Saftladen?
„Austria“, wiederholte er trotzig. „Asyl!“

Franz hatte den Schlepper mit den acht Vierteldukaten, die er zur Firmung von seinem Göd bekommen hatte, bezahlt. Es war sein letzter Besitz gewesen. Er hatte dann sechs Wochen gebraucht, um sich nach Kasachstan durchzuschlagen. Im doppelten Boden von Drogenschmuggel-Lkws, auf der Unterseite von Zügen. Und in Baku bestieg er mit 40 anderen ein Boot, das ihn über das Kaspische Meer brachte. Zumindest fast. Die letzten zehn Kilometer musste er schwimmen, nachdem ihn seine Fluchthelfer ins Wasser geworfen hatten.

Die Tür ging auf, und ein Mann kam herein. Er schaute den Franz prüfend an und sagte dann: „Sprechen Sie Deutsch?“ Mit einem Mal fiel alle Last von Franz ab. Er hatte es geschafft. „Ja“, rief er glücklich. „Ich komme aus Österreich. Ich bitte um Asyl!“

Der Dolmetscher sagte etwas zu Borat. Borat zeigte wieder auf das Plakat, griff sich ein vorgedrucktes Formular und knallte einen Stempel drauf.
„Was steht da auf dem Plakat?“, fragte Franz. „In Kasachstan – san nur mir daham“, sagte der Dolmetscher. Franz schluckte. „Und auf dem Zettel?“ „Wirtschaftsflüchtling“, sagte der Dolmetscher.

Aus einer Ecke des Raums lösten sich zwei Uniformierte. Einer griff zu seinen Handschellen. Und am Gürtel des anderen baumelte eine Rolle Klebeband.

rainer.nikowitz@profil.at