<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Jus, Minister!

Claudia Bandion-Ortners politische Daseinsberechtigung mag sich zwar in Luft aufgelöst haben – aber aufgegeben wird ein Brief!

Der Radiowecker, den die Ministerin anlässlich ihres Studienabschlusses von einem Professor geschenkt bekommen hatte – der gute Mann hatte damals jovial gemeint: „Ich bin so froh, dass Sie nie wieder in meinem Hörsaal sitzen werden, da haben S’!“ –, zeigte genau 2.48 Uhr, als Claudia Bandion-Ortner ihn mit schreckgeweiteten Augen anstarrte.

Ein Traum. Sie war eben aus einem wilden Traum erwacht. Sie hatte einen Gewohnheitsverbrecher – einen Arbeiterkammerfunktionär, der Sonntag für Sonntag nur 20 Cent in die Kassa des Zeitungsständers warf – seiner gerechten Strafe zugeführt. Also der Abschlagung von beiden Händen, einem Bein und der Nase – wobei sie die Nase großherzig zur Bewährung ausgesetzt hatte.

Als sie sich dann nach der von einer – wie Claudia es bei ihren Urteilen ja gewohnt war – enthusiastischen Menge, an deren Spitze Josef Pröll sein „Recht gegen links“-T-Shirt trug, begeistert gefeierten öffentlichen Urteilsvollstreckung auch einmal etwas gönnen wollte und in ihrer liebsten Brillen-Boutique ein besonders gewagtes Modell namens „Dame Edna“ probierte, sagte ihr Optical Stylist plötzlich: „Aber gab’s bei diesem Codex Hammurabi nicht unlängst einmal eine Novelle?“ In dieser Sekunde wachte die Ministerin auf.

Sie machte Licht und tappte verwirrt auf dem Nacht­kästchen herum. Da lagen zwölf verschiedene Brillen. Das ­Dame-Edna-Modell war nicht darunter. „Gott sei Dank“, murmelte Bandion-Ortner erleichtert, „es war nur ein Traum. Die waren ja unglaublich scheußlich!“ Dann schlief sie friedlich wieder ein.

Am nächsten Morgen fuhr sie gerade auf der Busspur – ja, man hatte ihr dieses nun wirklich mehr als harmlose klitzekleine Privileg an sich nicht genehmigt; aber ihr Chauffeur war ein begabter Bastler, und sein „Taxi“-Schild war ihm auffallend gut gelungen –, als ihr Kabinettschef Georg Krakow anrief. Das war jener Mann, dem einst der Box-Office-Hit „Staatsanwälte küsst man nicht“ auf den Leib geschrieben worden war, der sich aber dann doch dazu entschlossen hatte, der leichten Muse den Vorzug zu geben – und also Bandion-Ortner quasi direkt aus dem Bawag-Gerichtssaal ins Ministerium zu folgen. „Sie ham unser Urteil kassiert! Es strotzt angeblich vor Fehlern“, sagte er gepresst.

„Welches Urteil?“, antwortete Claudia nervös und versuchte mit fahrigen Handbewegungen, ihrer Frisur einen sympathischen Anschein von Zufälligkeit zu verleihen.

„Moment, lass mich einmal nachdenken: Wie viele Urteile, derentwegen wir beide im Justizministerium sitzen, gibt es weltweit?“, frug der Kabinettschef mit einem, wie die Ministerin fand, äußerst unangebrachten hämischen Unterton. Wenn das in ihrem Gerichtssaal passiert wäre, hätte es eine Beugestrafe gesetzt. Also ein bis zwei Jahre. Der dazugehörige Paragraf wäre ihr schon noch eingefallen. Und wenn nicht – dann eben nicht.

Aber natürlich war das jetzt schon blöd. Sie war nämlich völlig unschuldig! Sie hatte ja das Bawag-Urteil gar nicht selbst geschrieben, weil sie damals schon dabei gewesen war, ins Ministerium zu übersiedeln. Dass es aber diese juristische Flasche von Staatsanwalt, die jetzt ihr Kabinettschef war, geschrieben hatte, konnte sie ja wiederum auch schlecht hinausposaunen. „Wie konntest du das nur verpfuschen? Wo hast du eigentlich deinen Magister gewonnen?“, fauchte die Ministerin. „Im Internet“, keifte Krakow zurück. „Wie du!“

Was sollte sie jetzt bloß machen? Ihre glanzvolle Karriere schien mit einem Mal auf einem Fundament aus vom Regen durchgeweichten Christine-Marek-Plakatständern zu stehen. Ihr gesellschaftliches Leben drohte wieder in die Vor-Bawag-Zeit zurückzusinken und somit das jährliche Minigolfturnier der Richtervereinigung und den Bingo­nachmittag der Lebenslänglichen in der Karlau zu umfassen. Und irgendwann, irgendwann würde dann der Tag kommen, den sie mehr fürchtete als alle anderen. Der Tag, an dem sie in eine Straßenbahn einstieg und niemand mehr sagte: „San Se net de Ding?“

Die Glasfassade einer Bankfiliale wischte an Claudias Autofenster vorbei. Sie gab sich einen Ruck. Offensive! Ja, das war die einzige Lösung. „Ich will Berichte über alle irgendwie glamourösen Verfahren auf meinem Schreibtisch haben. Bis Mittag. Grasser, Meischberger, Kulterer, Meinl – alle. Und morgen machen wir eine Pressekonferenz. Ich werde die volle Härte des Gesetzes fordern.“
„Für wen?“
„Na, für alle natürlich. Ein jeder von denen bringt zehn Prozent im Beliebtheitsranking.“

„Aber, bis jetzt haben wir doch … Ich mein, wir können doch nicht … Den Grasser? Der Pröll wird narrisch!“

Und wie sie konnte. Ab jetzt würde sie wieder die Claudia sein, die die Massen liebten. Die Claudia, die den Charles Bronson in ihr das Recht pflegen ließ. Die Claudia, die das Vertrauen in die österreichische Justiz im Alleingang wieder­herstellte.

Nur eine Frage, eine alles überstrahlende Frage musste dazu allerdings noch geklärt werden.

„Krakow“, sagte sie forsch, „wann genau haben die eigentlich den Codex Hammurabi novelliert?“

rainer.nikowitz@profil.at