<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Karriere mit Ehre

<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Karriere mit Ehre

Die jüngsten Wahlniederlagen machen es den blauen Könnern natürlich leichter, endlich dorthin zu gehen, wo man schon lange inbrünstig auf Kaliber wie sie wartet: in die Privatwirtschaft. Oder?

Barbara Rosenkranz hätte zugegebenermaßen nie gedacht, dass gerade sie einmal diesen so furchtbar negativ behafteten Satz verwenden würde. Aber das hier lief dermaßen dramatisch in die falsche Richtung, dass sie nicht mehr anders konnte. Also donnerte sie völlig unvermittelt mit einer Stimme, für die sich Brünhilde nicht schämen hätte müssen, in den Raum:
„Wehret den Anfängen!“

Da war sogar HC Strache, der gerade wieder einmal mit hochrotem Kopf versuchte, sich selbst zu klonen, auf einmal still. Barbara sah herausfordernd in die Runde. Das sollte ihre FPÖ sein? Nein, nein und nochmals nein! Diese Versammlung hier war gerade dabei, alles über Bord zu werfen, wofür sie jahrzehntelang gekämpft hatte!

Natürlich war auch Barbara klar, dass man selbst in einer an sich sehr geschlossenen Anstalt wie der FPÖ manchmal Kompromisse machen musste. Wenn sich, nur um jetzt ein gänzlich willkürliches Beispiel zu nennen, ein Parteifreund partout den Erkenntnissen der nicht von der Ostküste diktierten Geschichtsschreibung verschließen und den Holocaust nicht leugnen wollte – na ja, was sollte man machen? Man konnte eben weder jemanden zu seinem Glück noch zum Erklimmen einer höheren Erkenntnisebene zwingen.

Aber: Waren sie etwa nicht die soziale Heimatpartei? Was war eigentlich aus dem schönen Slogan „Unser Geld für unsre Leut’“ geworden?
„Ich soll zurücktreten?“, fragte Barbara dann traurig. „Ich? Ja und dann?“ Das war natürlich eine mehr als berechtigte Frage, gerade in ihrer Gesinnungsgemeinschaft der Klugen und Erfolgreichen. HC schaute denn auch betreten zu Boden, und Barbara spürte, dass sie Oberwasser bekam.
Jetzt dachten die Kameraden ja vielleicht doch daran, wie viele reindeutsche, also hochgradig erwünschte Kinder sie durchzufüttern hatte. Oder an ihren armen Mann, der seit Jahrzehnten keinen Job mehr gehabt hatte, weil ja in Zeiten wie diesen eine solide Ausbildung als Rechtsextremist am Arbeitsmarkt rein gar nichts mehr galt.

Ja, jetzt führten sich die Kameraden wohl auch endlich vor Augen, was es bedeuten würde, wenn sich Barbara plötzlich einem möglicherweise ideologisch nicht gefestigten Personalchef gegenübersah und sagte: „Hallo, ich bin die Babsi, ich bin 55 und studiere im 74. Semester Geschichte. Bis jetzt hab ich 14.688 Euro verdient. Und ich sag Ihnen gleich: Für weniger dreh ich bei meiner Qualifikation nicht einmal den Computer auf.“

Und vor allem führten sich die Kameraden hoffentlich eines vor Augen: Das konnte ihnen ganz genauso passieren.

Den Dörfler Gerhard, mit dem sie ja sonst zugegebenermaßen recht wenig verband, weil der halt ein Flachwurzler war, der dachte, nur Rottweiler hießen Wotan, den hatte es ja noch schlimmer erwischt. Auf einmal nur mehr einfacher Landtagsabgeordneter! Nebbiche 6528 Euro – und nicht einmal die wollten sie ihm gönnen? Nur weil er von 45 auf 17 Prozent gerasselt war? Das sollte ein Grund sein, sein so innig mit dem Sessel verschweißtes Sitzfleisch so gröblichst zu verletzen?

Der Scheuch Kurtl hatte es ja leicht. Der konnte sich auf seinen Großgrundbesitz zurückziehen oder dort freiberuflicher Sympathieträger sein. Und der Dobernig Harald, der hatte immerhin, wenn schon sonst wahrlich überhaupt nichts, seine zumindest biologische Jugend. Mit 32 ging sich eine schöne Karriere als Langzeitarbeitsloser halt locker noch aus. Aber beim Gerhard mit seinen 58?

„Waaßt Babsi“, hatte er am Telefon zu ihr gesagt, als sie sich gegenseitig zu ihren Wahlergebnissen gratuliert hatten, „i hob lei gar nix falsch gemocht. I war all de Jahre dersölbe Docker wie immer.“

Und Barbara hatte sich ja nun auch wirklich nichts vorzuwerfen. Sie hatte alles versucht. Ja, sie hatte im Wahlkampf sogar die Ungeheuerlichkeit aufgedeckt, dass sich auf der ÖVP-Liste ein Kandidat mit einem türkischen Namen befand! Dass der Wähler das ebenso wenig honoriert hatte wie die strahlende moralische und wirtschaftliche Bilanz der Kärntner Gesinnungsfreunde war zwar betrüblich, aber das lag ja wohl eher am Wähler als an ihr.

„Jetzt stell dir einmal Folgendes vor, HC“, wandte sich Barbara an den großen Vorsitzenden. „Du verlierst, natürlich völlig unverdient, die nächste Wahl. Und dann steht im Parteivorstand auf einmal einer auf und sagt: ‚Ich finde, der HC sollte zurücktreten.‘ Und die anderen, die finden das offenbar auch. Was wirst du dann machen?“

HC spürte, wie eine von Panik befeuerte Hitzewallung in ihm aufstieg. Er wusste ganz genau, was ihm dann blühen würde: Er würde bei einem ungarischen Zahnarzt in Sopron pfuschen. Und wenn er ganz besonderes Pech hatte, dann würde der nicht einmal Viktor Orban wählen.

Und am Abend dieses Tages, an dem HC Strache nach Niederösterreich ausgerückt war, um dort ein für alle Mal Ordnung zu schaffen, war Gerhard Dörfler immer noch Abgeordneter. Und Barbara Rosenkranz immer noch Vorsitzende der niederösterreichischen FPÖ.

rainer.nikowitz@profil.at