Rainer Nikowitz: Kehraus

Rainer Nikowitz: Kehraus

Und wieder so ein Jahr, von dem man nicht unbedingt haltlos begeistert sein muss. Was hat es zu seiner Verteidigung zu sagen?

profil: Was wollen Sie denn noch hier?
2017: Das ist eine interessante Einstiegsfrage für ein Interview. Aber ich kann Sie beruhigen: Das ist die letzte Seite. Gleich bin ich weg.

profil: Na, wenigstens etwas.
2017: Sie scheinen ernsthaft zu glauben, dass etwas Besseres nachkommt.

profil: Man soll die Hoffnung nie aufgeben.
2017: Süß! Seit wann denken Sie sich das denn schon? So ungefähr jedes Jahr seit 2008? Und? Hat’s funktioniert?

profil: Sie werden mir gerade nicht unbedingt sympathischer. Mit Donald Trump anfangen, mit Herbert Kickl und Mario Kunasek aufhören – und dann auch noch klugscheißen?
2017: Den Trump hat aber bitte schon 2016 verbrochen.

profil: Man kriegt euch Jahre in den letzten Jahren gern einmal durcheinander in eurer strahlenden Schönheit. Außerdem ist Trump erst im Jänner angelobt worden.
2017: Ja. Und? Die Welt steht immer noch.

profil: Fällt das neuerdings schon unter „Erfolg“?
2017: Ma, sind Sie vielleicht grantig! Ich glaub, Sie werden alt.


Man kann ja nun nicht gerade behaupten, dass mir meine Vorgänger eine gemähte Wiese hinterlassen hätten.

profil: Sie auch.
2017: Was haben Sie denn von mir erwartet? Man kann ja nun nicht gerade behaupten, dass mir meine Vorgänger eine gemähte Wiese hinterlassen hätten.

profil: Geschenkt. Aber man kann’s ja auch besser machen – oder etwa nicht?
2017: Es war aber bitte nicht alles schlecht an mir!

profil: Ach so? Was war denn Ihrer Meinung nach gut?
2017: Das Neujahrskonzert!

profil: Das hab ich verschlafen. Hat das Publium beim „Radetzkymarsch“ am Ende tatsächlich im Takt gepascht? Was für ein Triumph!
2017: Und Rapid ist doch nicht abgestiegen.

profil: Gott soll einen hüten vor allem, was gerade noch ein Glück ist. Außerdem: Erzählen Sie das einem Austrianer.
2017: Sehen Sie? Es ist immer eine Frage der Perspektive. Und weil Sie mit dem Trump angefangen haben: Für den zum Beispiel war ich doch einfach durch und durch „great“!

profil: Weil sie ihm damals in der Baumschule für reiche Protzpinkel mit mittelschweren Verhaltensauffälligkeiten kein anderes Adjektiv beigebracht haben. Und weil er lügt. Die „New York Times“ hat das genau recherchiert: 103 Lügen in zehn Monaten. Und da sind die privaten nicht eingerechnet.
2017: Warum sollte er privat auch noch lügen? Was hätte er denn davon, wenn er seinem Friseur erzählt, dass er den Längsten hat, den Melania je gesehen hat?

profil: Vielleicht eine Frisur. Aber er braucht es ihm ja gar nicht mehr zu erzählen, weil er seine entsprechenden Vorzüge schon bei einer Fernsehdiskussion vor der Wahl gepriesen hat. Auf diesem Niveau sind wir nämlich schon angekommen.
2017: Oh. Das war aber auch 2016. Geht mich also nichts an.

profil: Sie haben ihm aber die Abschusscodes für ein paar Hundert Atomsprengköpfe in die Hand gedrückt. Eigentlich ein Wunder, dass er sie noch nicht getwittert hat.
2017: Außerdem: Die Politiker lügen doch alle.

profil: Sie klingen ungefähr so differenziert wie der typische Rechtswähler. Die „New York Times“ hat auch bei Obama nachgezählt. Da ist sie auf 18 Lügen gekommen.
2017: Na, immerhin!

profil: In seiner gesamten Amtszeit. Also in acht Jahren.
2017: Na gut. Aber die größte davon war ja dann wohl: „Yes, we can!“

profil: Zwischen dem und den alternativen Fakten von Trump liegen aber Welten.
2017: Die Wahrheit ist eine Tochter der Zeit. Andreas Khol, 2000.

profil: Der Unterschied ist nur: Früher hat es die Leute noch gestört, wenn einer gelogen hat. Mittlerweile scheint das völlig wurscht zu sein. Im Gegenteil: Heute dreschen sie mit Schaum vor dem Mund auf den ein, der die Lüge aufdeckt. Keiner hat eine Ahnung, aber jeder eine Meinung.
2017: Das Ärgerlichste in dieser Welt ist, dass die Dummen todsicher und die Intelligenten voller Zweifel sind. Bertrand Russell. 1935 oder so.

profil: Schmeißen Sie jetzt nur mehr mit Kalendersprüchen herum?
2017: Ich will nur darauf hinweisen, dass Sie das nicht alles mir in die Schuhe schieben können. Krieg, Terror, Klimawandel – alles schon vor mir dagewesen. Ich war nicht so schlecht, wie Sie mich hinstellen.

profil: Also gut. Die FPÖ ist wieder in der Regierung. Das ist nun wirklich ohne jeden Zweifel heuer passiert. Na?
2017: Deswegen wird die Welt auch nicht untergehen. Nicht einmal in Österreich.

profil: Sagen Sie das auch Ihrem Kumpel 2018?
2017: Ich kann nichts versprechen, wir werden uns nur sehr kurz sehen. Und außerdem: Wer ist denn schuld an der neuen Regierung? Sie!


Ihr habt doch den Kurz hinaufgeschrieben und damit den Boden bereitet. Ich weiß nicht, in wie vielen wütenden Facebook-Kommentaren ich das gelesen habe.

profil: Ich?
2017: Na, Ihr Blattl halt. Ihr habt doch den Kurz hinaufgeschrieben und damit den Boden bereitet. Ich weiß nicht, in wie vielen wütenden Facebook-Kommentaren ich das gelesen habe.

profil: Ich habe nie behauptet, dass die Rechten ein Monopol auf Social-Media-Blödsinn haben. Oder dass sich die Linken sehr eingehend mit Ursachenforschung befassen. Bei der könnte ja am Ende rauskommen, dass man selber auch einmal für etwas verantwortlich ist. Wer braucht denn so was?
2017: Aber wie gesagt: Ich empfehle Abwarten und Tee trinken. Lasst Kurz und vor allem die Blauen arbeiten! Und wenn Sie dann in einem Jahr mit 2018 dasitzen, schaut die Sache wahrscheinlich schon wieder ganz anders aus.

profil: Sie meinen, weil die so dilettantisch sein werden?
2017: Das würde die Hardcore-Fans möglicherweise gar nicht so stören. Den Rust Belt irritiert Trumps Irrlichtern auch nur peripher. Aber: Werden sich in Österreich jetzt umgehend sämtliche Ausländer rückstandsfrei in Luft auflösen?

profil: Eher nicht.
2017: Werden keine Zehennägel mehr einwachsen, wird der Sommerurlaub nicht mehr entweder zu heiß oder zu verregnet, im Fernsehen immer was Gescheites und das Auto keines einzigen Nachbarn größer sein?

profil: Nein.
2017: Warum also sollte man dann wieder FPÖ wählen?

profil: Na ja. Kann sein, dass Sie recht haben. Aber Sie haben auch leicht reden. Sie vertschüssen sich und müssen sich das alles nicht mehr antun. Was machen Sie eigentlich, wenn Sie hier fertig sind?
2017: Na, was schon. In die Geschichte eingehen natürlich.

profil: Und wie ist das so?
2017: Kann ganz unterhaltsam sein, habe ich gehört. Ich meine, stellen Sie sich vor, wie 1968 mit 1938 diskutiert. Oder wie zum Beispiel ich dem Jahr 735 erkläre, wie man einen Vibrator mit einer App steuert.

profil: Das geht?
2017: Sie sind eher kein Digital Native, was?

profil: Und warum sollte man das wollen?
2017: Das wird 735 ohne Zweifel auch fragen.

profil: Ich bin mir nicht sicher, ob mir Ihr
Unterton gefällt.
2017: Sei’s drum. Haben Sie vielleicht noch eine Frage?

profil: Ja: Was wollen Sie immer noch hier?