<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Klassenkrampf

Zum Glück ist unsere nicht laut genug mit Applaus zu bedenkende Politelite schon heftig dabei, die Gründe für das PISA-Debakel zu eruieren – wie unser Round-Table-Gespräch beweist.

profil: Ich freue mich, dass Sie sich alle Zeit genommen haben. Das ist ja nicht selbstverständlich.
Kaltenegger: Eh nicht. In der Zeit, die ich hier sitze, hätte ich schon wieder vier Presseaussendungen schreiben können, in denen das Wort „Einheitsbrei“ vorkommt und wo ich erkläre, dass die Frau Schmied eine Niete ist.

profil: Das wäre, glaub ich, genau das, worauf sämtliche Eltern von Schulkindern sehnsüchtig warten.
Kaltenegger: Na und ob! Da hamma das Ohr wieder amol voll am Volk!

profil: Herr Vizekanzler, ich sehe, Sie haben Ihren Onkel mitgebracht, obwohl wir ihn gar nicht eingeladen haben…
Josef Pröll: Erstens braucht der Onkel Erwin nirgendwo eine Einladung, zweitens wär diese Diskussion sonst ein Einheitsbrei, und drittens ist er der versierteste Bildungspolitiker, den die ÖVP hat.

profil: Aha. Wie das?
Erwin Pröll: Na, das ist doch sonnenklar: Niemand in diesem Land hat mehr Schuldirektoren höchstpersönlich ausgesucht als ich.

profil: Man könnte der Ansicht zuneigen, dass damit schon das möglicherweise größte Problem des österreichischen Bildungswesens umzingelt ist.
Erwin Pröll: Da haben Sie Recht. Einfach nur Lehrern mit dem richtigen Parteibuch eine anständige Karriere zu ermöglichen, das kann es ja nicht sein.

profil: Ich hätte nicht gedacht, diesen Satz jemals aus Ihrem Mund zu
hören.
Erwin Pröll: Man muss das nämlich globaler anlegen: Wenn die Schüler auch alle eines hätten, wäre die Gschicht gleich viel runder. So eine zeitgerechte Mitgliedschaft bei der Jungen ÖVP ist ja eine ganz hervorragende individuelle Fördermaßnahme.

Faymann: Da kommt einem ja das Speiben! Da müssen wir jetzt wirklich zu härteren Maßnahmen greifen und uns auf das Bildungsvolksbegehren vom Androsch draufhauen!

profil: Das heißt also, die Regierungspartei SPÖ fordert dann in einem Volksbegehren die SPÖ zu einer Bildungsreform auf.
Faymann: Na ja, zumindest können wir der ÖVP damit eine auf den Schädel hauen, und davon haben ja schließlich alle was.

profil: Das sind ja alles ohne Zweifel sehr beeindruckende Maßnahmen, die sich beide Parteien da überlegt haben – aber warum macht man nicht einmal etwas völlig Abwegiges? Also zum Beispiel eine breit angelegte Expertenkommission? Und hört sich dann möglichst unvoreingenommen an, was die zu sagen hat?
Erwin Pröll: Das hamma doch alles schon ghabt.

profil: Na wunderbar. Und?
Erwin Pröll: Die sagen lauter Sachen, die ich nicht hören will.

profil: Man könnte auch nach Helsinki fahren und sich anschauen, wie die Finnen das machen.
Kaltenegger: Da war ich schon. Schiach is dort.
Erwin Pröll: Und diese Finnen. Lautergraue Gsichter, keiner redet was, alle saufen nur.
Schmied: Das ist ja dann fast wie beim Landesparteitag der ÖVP Niederösterreich.
Erwin Pröll: Kaltenegger! A Presseaussendung!
Kaltenegger: Pfah, jetzt hab i auf die Schnelle kane in petto … I nimm einfach die von vorgestern.

profil: Nachdem bei PISA ja tatsächlich immer jene Länder am besten abschneiden, die eine gemeinsame Schule der Sechs- bis 14-Jährigen haben – warum darf die in Österreich nicht sein?
Kaltenegger: Das wiss ma ehrlich gsagt auch nicht mehr so genau. Aber eine ÖVP bleibt eben immer ihrer Linie treu.
Schmied: Ich hab das jetzt satt. Ich geh jetzt und würg die Lehrer wieder einmal wie die Truthähne.

profil: Vielleicht könnte man die Lehrer ja auch mit eigenen Schreibtischen oder Computern bedenken. Und mit Schulen, bei denen nicht der Verputz von der Wand fällt und bei denen man keine Container in den Garten stellt, wenn sie zu klein werden.
Erwin Pröll: Der is leiwand!
Faymann: Und woher nehm ma die Marie? Vom Koralmtunnel?

profil: Gute Idee.
Faymann: Der is ja wirklich leiwand!

profil: Herr Vizekanzler, Sie sagen ja gar nichts.
Josef Pröll: Okay: Einheitsbrei.

profil: Gut, dass ich gefragt habe.
Kaltenegger: Wenn der Herrgott gewollt hätt, dass wir alle gleich sind, täten die Männer auch Kinder kriegen und Grinzing und Favoriten wären ein Bezirk.

profil: Aber wenn nun einmal beim derzeitigen System offensichtlich
nichts Vernünftiges herauskommt?
Erwin Pröll: Nichts Vernünftiges herauskommt? Guter Mann! Schauen Sie sich einmal die Ergebnisse der Personalvertretungswahlen an, bevor Sie da gscheit daherreden!

profil: Auf einen ganz simplen Nenner gebracht: Glauben Sie nicht, dass in der Bevölkerung eine riesige Sehnsucht danach herrscht, dass endlich einer aufsteht und sagt: „Wir haben ein Problem. Gemmas an!“?
Erwin Pröll: Gut. Gemmas an.
Kaltenegger: Und zwar die Schmied.
Josef Pröll: Und übrigens: Einheitsbrei!

rainer.nikowitz@profil.at