Rainer Nikowitz: Liebesgrüße nach Moskau

Rainer Nikowitz: Liebesgrüße nach Moskau

Da in der EU alle so grauslich zu ihm sind, ist der griechische Premier Alexis Tsipras leider gezwungen, sich nettere Freunde zu suchen. Zum Glück hat er schon einen gefunden.

Putin: Mein lieber Freund! Schön, dass Sie hier sind! Hatten Sie einen angenehmen Flug?
Tsipras: Ja, danke. Wir sind Ihrer unverbindlichen Routenempfehlung gefolgt und haben den Luftraum über der Ost-Ukraine gemieden.
Putin: Sehr vernünftig. Dort sind die Luftschichtungen so was von labil – da kommt es gern einmal zu unangenehmen Turbulenzen.
Tsipras: Ja, das hab ich auch schon in vielen gut informierten Internetforen gelesen.
Putin: Nun, kommen wir doch gleich zur Sache. Zeit ist Geld.
Tsipras: Wenn es nur so einfach wäre.

Putin: Sie sind also gekommen, weil Sie ein starkes Zeichen gegen die ungerechtfertigten und von imperialistischer Anmaßung getriebenen EU-Sanktionen, unter denen das friedfertige Russland zu leiden hat, setzen wollen.
Tsipras: Ja. Also … auch. Umso mehr, als Griechenland ja in einer vergleichbaren Situation ist. Auch unsere nationale Souveränität wird mit Füßen getreten. Wie Sie ja wissen, will man uns kein Geld geben, ohne unsere Bedingungen dafür zu akzeptieren.
Putin: Tja. So sind sie, diese hässlichen Kapitalisten. Und als Nächstes wollen sie es wahrscheinlich auch noch ­irgendwann einmal zurückhaben.
Tsipras: Na ja, theoretisch schon. Aber im Endeffekt eh nicht wirklich. Sie sind zwar ungustiös, aber nicht un­realistisch. Sie wissen nur noch nicht, wie sie das den ausgebeuteten
Massen in ihren Ländern verkaufen sollen, weil die das ja am Ende … Ach, egal.

Putin: Ich gehe davon aus, dass Sie sicherlich schon analysiert haben, wie denn Ihr Land überhaupt in diese unerfreuliche Lage kommen konnte.
Tsipras: Selbstverständlich. Nach ebenso eingehender wie schonungsloser Aufarbeitung aller Fakten sind wir zu einem wasserdichten und unbestreitbaren Ergebnis gekommen: Die Deutschen sind schuld.
Putin: Erstaunlich! Was unsere Situation betrifft, ist es im Prinzip genauso!
Tsipras: Die haben ja sogar im Fernsehen einen aus dem Zusammenhang gerissenen Mittelfinger meines
Finanzministers gezeigt!

Putin: Wenn sie das mit mir machen, besetze ich den Teil von Ostpreußen, den ich noch nicht habe.
Tsipras: Das wäre verständlich, nach so einem Affront. Aber … gehört der jetzt nicht zu Polen?
Putin: Na und? Würde das den Affront weniger empörend machen?
Tsipras: Nein, natürlich nicht.
Putin: Allerdings darf man bei der Problematik, die Russland betrifft, keinesfalls den ebenso schädlichen wie schändlichen Beitrag der USA außer Acht lassen.
Tsipras: Das versteht sich ja wohl von selbst. Gibt es denn irgendein Problem auf der Welt, bei dem man den ebenso schädlichen wie schändlichen Beitrag der USA außer Acht lassen kann?
Putin: Das ist zwar sehr schön, dass Sie das erkennen – aber auf der anderen Seite ist Ihr Land NATO-Mitglied.
Tsipras: Eins nach dem anderen. Jetzt vergraulen wir einmal die EU – und dann sehen wir weiter.

Putin: Sie sind ein sehr aufgeweckter junger Mann. Mit einem hervorragenden Verständnis weltpolitischer wie auch wirtschaftlicher Zusammenhänge und einem untrüglichen Gespür für die einzig richtige Ausgestaltung von Freund/Feind-Schemata.
Tsipras: Danke. Solch hohes Lob freut mich natürlich sehr. Und es bringt mich auch gleich zu einer Frage: Sie haben nicht zufällig ein bisschen Kohle herumliegen, die Sie gerade nicht brauchen? Müsste gar nicht viel sein … Zwei, drei, zehn Milliarden?
Putin: Nun ja … Im Moment ist das ein bisschen schwierig. Da ist zum einen die große Sozialoffensive, mit der wir dafür sorgen, dass es dem russischen Durchschnittsbürger an rein gar nichts fehlt – und zum anderen der künstlich niedrig gehaltene Ölpreis, mit dem man das russische Wirtschaftswunder torpediert. Wenn ich trotzdem irgendwo was fände … Ich gehe davon aus, Sie würden es zurückzahlen?

Tsipras: Öh … Nun gut, lassen Sie mich meine Frage anders formulieren: Brauchen Sie irgendwas? Griechisches Obst, das trotz dieser unseligen Sanktionen irgendwie den Weg in russische Supermärkte findet?
Putin: Möglich. Obwohl es dem russischen Durchschnittsbürger ja wie gesagt an rein gar nichts fehlt.
Tsipras: Oder wie wäre es mit einem hübschen Hafen am Mittelmeer? ­Saloniki vielleicht?
Putin: Ich dachte, Sie wollen keine weiteren Privatisierungen?
Tsipras: Wäre das denn privat?
Putin: Endlich einmal ein Westpolitiker, mit dem man vernünftig reden kann! Also, außer dem Orban natürlich. Und der Le Pen, dem Strache, dem Wilders …
Tsipras: Moment! Das sind aber bitte böse Rechte. Ich hingegen …
Putin: Und lustig ist er auch noch!

rainer.nikowitz@profil.at