<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Lückenlose Aufklärung

Das konnte man mit einem Karl-Heinz Grasser nicht machen. Ja, Walter Meischberger war sein Freund. Aber jetzt konnte er was erleben.

Karl-Heinz Grasser war enttäuscht. Dermaßen herb enttäuscht war er zum letzten Mal gewesen, als er während der Abschmetterung des vierten gegen ihn gerichteten Misstrauensantrags im Parlament schockiert feststellen musste, dass sein neues Shampoo in Wirklichkeit überhaupt nicht gegen gespaltene Haarspitzen wirkte. Das ihm.

Da bemühte man sich seine ganze – wie Karl-Heinz fand, in ihrer makellosen Schönheit nur noch mit dem Kontostand von Fiona vergleichbare – Karriere lang um absolute Transparenz, geradezu schon preußische Korrektheit, an einen verknöcherten Notar gemahnende Seriosität – und dann das. Ihm! Er würde sich seinen Freund ordentlich zur Brust nehmen, das stand fest. Sowie er seiner habhaft würde. Entschlossen, wie es nun einmal seine, einem strahlenden Siegertypen wie ihm einfach angeborene Art war, stand Karl-Heinz von seinem Schreibtisch auf, machte sieben dynamisch federnde Schritte und setzte dann seine finsterste „Die Welt der Hochfinanz wird mich schon noch kennen lernen“-Miene auf.

Walter Meischberger, der an seinem Schreibtisch in ihrem gemeinsamen Büro gerade dabei war, im Internet ein geschmackvolles Tigerfell-Imitat für den Salon in seiner Villa in Döbling zu bestellen, spürte den Freund in seinem Nacken und war wie immer angenehm berührt.
Aber dieses Mal nicht lange. „Meischi“, begann Karl-Heinz, und seine Stimme knisterte gefährlich wie eine von einem Hedgefonds veranlasste Brandrodung in Borneo. „Meischi, so geht das nicht!“

Meischberger blickte erschrocken auf. Seit jenem Tag, an dem er auf seiner Tankstelle in Tirol – möglicherweise begünstigt durch einen kleinen Benzindampfaustritt aus einer defekten Pumpe – zum ersten Mal die Vision gehabt hatte, reich, berühmt und vor allem reich zu werden, seit jenem Tag hatte er sich davor gefürchtet, dass das jemand zu ihm sagen könnte.
„Sollt i doch lieber ein Leopardenfell nehmen?“, fragte er unsicher, wohl wissend, dass ihm diese an sich kluge Finte nur ein kleines Zeitfenster verschaffen würde, in dem er sich eine Verteidigungsstrategie zurechtlegen konnte. Verdammt! Sie würden ihm das ganze Geld wieder wegnehmen. Alles. Und vielleicht noch mehr! Warum musste das ausgerechnet ihm passieren? Den Rumpold mit seinen 96.000 Euro pro Eurofighter-Pressekonferenz mit drei Liter Cappy und 14 belegten Brötchen, bei denen sich der Rand schon aufrollte, hatten sie ja auch nicht drangekriegt!

Grassers Augen, die immer noch locker jede zweite Schadensbearbeiterin der österreichischen Hagelversicherung dazu zwingen konnten, willenlos auf ihre Akten zu sinken, verengten sich zu Clint-Eastwood-Schlitzen. „Lass das“, fauchte er sexy. „Du weißt ganz genau, wovon ich rede. Wie kannst du Trottel dich nur erwischen lassen?“ Meischi schluckte schwer. Diesmal schien es ihm wirklich an den Kragen zu gehen. Wie kam er da bloß wieder raus? „I sag, du hast von nix gewusst“, stotterte er kleinlaut. „Na, das ist ja wohl das Mindeste“, erwiderte Karl-Heinz ungnädig. Er konnte es nicht fassen, dass er diesen Menschen zu seinem Trauzeugen gemacht hatte. Dass er beinahe alles mit ihm geteilt hatte – bis hin zur Zuneigung vom Jörg.

Walter rang nach Worten. Er würde allen sagen, dass er der Einzige gewesen war, der kassiert hatte, jawohl. Und dann würde er sagen, dass er keine Ahnung gehabt hatte, dass man für acht Millionen, die man auf das Konto einer zypriotischen Briefkastenfirma überweisen ließ, Steuer zahlen musste. Er sah keinen Grund, warum man ihm das nicht glauben sollte. Karl-Heinz hatte ja damals, als er noch der beste Finanzminister seit Felix Krull war, auch nicht gewusst, dass er seine Vortragshonorare versteuern musste. „Selbstanzeige!“, japste er in höchster Not. „I hab eh schon a Selbstanzeige gmacht!“ „Jetzt isses zu spät.“ Karl-Heinz schüttelte ungnädig seine Mähne wie Fury, als man ihm das erste Mal einen Sattel auflegen wollte. „Die Ermittlungen laufen. Du bist überführt.“

Meischi war verzweifelt. Denn irgendwie musste er ja wohl auch erklären, wofür er das Geld überhaupt bekommen hatte. Das war der Teil, der möglicherweise unter Umständen ein bisschen schwierig werden konnte.
„Hilf mir doch“, flehte er. „Warum könnte ich es denn gekriegt haben?“
Grasser sah ihn kalt an. „Na, das liegt ja wohl auf der Hand: weil du mein Freund bist. Und weil du von mir gewusst hast, wo es zu holen ist.“
„Ja, eh. Aber das kann ich doch nicht einfach so zugeben!“ „Doch!“, rief Karl-Heinz empört. „Sag die Wahrheit. Erleichtere dein Gewissen!“

Meischberger war völlig baff. „Ich soll die Wahrheit sagen? Wie das damals gelaufen ist mit den acht Mille, wie du die Buwog verscherbelt hast?“
„Was?“, rief Grasser entsetzt. „Bist deppert? Das doch nicht!“
Jetzt verstand Meischi gar nichts mehr. „Aber wovon reden wir dann die ganze Zeit?“ „Du kannst nicht einfach mein Eau de Toilette benutzen, ohne zu fragen!“

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