<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Österreich isst Europa

Was wir nach der endlich überstandenen Wahl – über alle Parteigrenzen hinweg – von der EU fordern sollten.

Im EU-Wahlkampf war bei eigentlich allen Parteien eine mehr oder minder ausgeprägte EU-Skepsis zu spüren. Also sollten sie sich nach der Wahl zusammensetzen und im Sinne unseres kleinen, feinen, aber doch leider nur allzu oft verkannten und gröblichst benachteiligten Landes gemeinsam ein Arbeitspapier erstellen, in dem wir der EU klarmachen, was wir von ihr wollen – und was nicht. Dies würde unsere Beziehung zu Brüssel doch deutlich entkrampfen und sicherlich zu unser aller – und damit auch zum gesamteuropäischen – Wohl beitragen. profil macht sich hiemit erbötig, zu dieser großen nationalen Kraftanstrengung, diesem unmissverständlichen „Österreich-Manifest“, einen ersten, sicherlich noch nicht vollständigen Entwurf beizusteuern.

1 Die Betrittsverhandlungen mit der Türkei müssen sofort abgebrochen werden. Gleichzeitig sind Gespräche über eine andere Form der Zusammenarbeit, eine Art „privilegierte Partnerschaft“, zu eröffnen, welche nach einer Dauer von einigen Jahren im Lichte des allgemein erwünschten Privilegienabbaus ebenfalls abzubrechen sind. Anschließend ist eine Kommission einzurichten, die klären soll, ob die Türkei überhaupt zu Europa gehört und warum nicht. Sollte sich nach einigen Jahren ein Ja abzeichnen, ist die Tätigkeit der Kommission abzubrechen. Schließlich muss noch im Sinne eines gedeihlichen Miteinanders allen derzeit in der EU lebenden Türken untersagt werden, an den Telefonabstimmungen beim Songcontest teilzunehmen. Sollte dies nicht durchsetzbar sein, wird auch der nächste Songcontest abgebrochen.

2 Den Begriff „Nettozahler“ kann in Österreich keiner mehr hören, weshalb er ab sofort durch „Bruttozahler“ zu ersetzen ist, damit man sich hierzulande endlich über etwas Neues aufregen kann. Außerdem weiß sogar jeder FPÖ-Wähler, dass brutto mehr als netto ist.

3 Die Brüsseler Bonzokratie ist zur Gänze und ersatzlos zu streichen, bis auf jene Teile, die mit der Auszahlung der Fördergelder für das Burgenland und mit Hans-Peter Martin als solchem beschäftigt sind. Die hiedurch frei gewordenen Finanzmittel sind in den Wiederaufbau des Eisernen Vorhangs an der österreichischen Ostgrenze samt Minen und Selbstschussanlagen zu investieren. Wir wollen endlich spüren, dass Brüssel unsere Sicherheit auch etwas wert ist.

4 Ab sofort ist die Verwendung des Begriffs „Marmelade“ Pflicht. Und zwar in der gesamten EU sowie – als Zeichen des guten Willens – selbstverständlich auch in der Türkei. Sollte irgendjemand so tun, als würde er das nicht verstehen, machen wir über den Vertrag von Lissabon doch noch eine Volksabstimmung. Deren Ergebnis wird dazu führen, dass die EU die Iren wieder voll lieb hat.

5 Die Regel „Ein Land, ein Kommissar“ ist im Prinzip beizubehalten, bis auf die Ausnahme, dass Österreich drei bekommt. Diese haben sich bei der Ausübung ihrer Tätigkeit in erster Linie an österreichischen Inter­essen zu orientieren. Um parteipolitischen Zank auszuschließen, werden unabhängige Experten nominiert. Es handelt sich hiebei um Franz Klammer, Marika Lichter und die Wiener Sängerknaben. Zusätzlich noch den Kommissionspräsidenten zu haben wäre zwar nur gerecht, aber wir sind nicht so – zumal sich dann sicherlich Wolfgang Schüssel diesen Job krallen würde (Anm.: Dieser Punkt ist mit der ÖVP nicht akkordiert).

6 Wir wollen kein Europa der Konzerne (Anm.: Dieser Punkt ist mit der ÖVP nicht akkordiert), denn wir haben keine. Manager-Boni sind abzuschaffen und für die Einführung der flächendeckenden Pragmatisierung aller Österreicher zu verwenden. Die EU-Osthilfe ist direkt an die dort engagierten österreichischen Banken zu überweisen. Und überhaupt ist die Krise zu beenden, weil es reicht jetzt wirklich.

7 Die europäische Autoindustrie kann von uns aus größtenteils krachen gehen, vor allem die französischen Rostlauben und die italienischen Tschäsn, für die sind unsere Bruttozahlungen zu schade. Bei den deutschen Firmen schaut die Sache anders aus, denn erstens liefern wir da ja die besten Teile zu, und zweitens fahren wir bekanntlich am liebsten VW Golf, weil wir nicht nur sehr geschmackssicher, sondern auch noch total wilde Hunde sind.

8 Unser Wasser ist unser Bier. Niemand rührt es an. Niemand schaut es an. Wer bei der Einreise provokant die Wassermusik pfeift, kann gleich wieder um­drehen. Wer schon bei uns zu Gast ist und dabei ertappt
wird, wie er begehrliche Blicke auf die Krimmler Fälle wirft, wird abgeschoben. Die Donau hingegen ist mit allen EU-Mitteln daran zu hindern, das Land zu verlassen.

9 Wir wollen bitte auch dringend zur nächsten Party von Silvio Berlusconi eingeladen werden.

10 Und haben wir eigentlich schon das Problem mit der Türkei erwähnt?

rainer.nikowitz@profil.at