<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Olympisches Feuer

Bei den Olympischen Spielen in Vancouver gibt es vor allem einen großen Sieger. Einen, mit dem die wenigsten gerechnet hätten.

Norbert Darabos konnte sein Glück kaum fassen. Es kam ihm vor, als würden seine Füße den Boden überhaupt nicht berühren, so schwerelos fühlte er sich. Ja, er schwebte richtig über dem Schnee dahin. Er versuchte, sich zu erinnern, woher er dieses Gefühl kannte. Es musste lange her sein … Ja, genau: 1978! Damals hatte man ihn beim Schulskikurs eine Nacht lang auf dem Sessellift vergessen.

Alles schien von ihm abzufallen. Die ganze Last von drei Jahren in einem Ministerium, in das ihn das ungeheure ­Verhandlungsgeschick von Alfred Gusenbauer gebracht hatte und in dem er ähnliche Sympathiewerte genoss wie ein katholischer Missionar in einer Taliban-Hochburg. Erst unlängst wieder hatte er eine ihm unerklärliche Abneigung verspürt, als er beim Faschingsgschnas des Generalstabs als Joan Baez ge­gangen und beim Karaoke „We shall overcome“ gesungen hatte. Aber das war jetzt vergessen.

Ebenso wie das unangebracht laute Lachen der Umstehenden beim Horitschoner Gurkenkirtag, als er, der Verteidigungsminister, der Befehlshaber über eine Truppe, die schneller ausrückte als ihr Schatten – dies deshalb, weil sie fürchten musste, ansonsten von den Trümmern ihrer zu­sammenbrechenden Kaserne erschlagen zu werden –, in der Schießbude unglücklicherweise nicht die aufeinandergestapelten Bleistamperln traf, dafür aber den daneben stehenden Hauptpreis, einen Teddybären, der ihn ein wenig an Wilhelm Haberzettl gleich nach dem Aufstehen erinnerte, zwischen die Knopfaugen.

Die unglaublich zähen und nervenaufreibenden Eurofighter-Verhandlungen, in denen er, der Novize, es geschafft hatte, 15 Eurofighter zum Preis von 15 zu bekommen, ohne dass dies von einer weitgehend undankbaren ­Öffentlichkeit auch nur annähernd so intensiv gewürdigt worden wäre, wie es in einer gerechten Welt hätte sein müssen; die kleinliche Kritik an den stolzen neun Aufgriffen von Illegalen durch seine Lange-Lacke-Seals beim Grenzschutz im Burgenland; das Styling seiner vorletzten Brille – alles mit einem Schlag unwichtig.

Denn heute zählte nur eines. Das dafür aber doppelt. Linger/Linger hatten gewonnen. Man konnte nun natürlich finden, dass es einigermaßen grotesk war, eine kilometerlange Betonröhre zu bauen, sie mit dem Energieverbrauch eines mittelamerikanischen Kleinstaats zu vereisen, nur damit in Ganzkörperkondome gekleidete Menschen auf einer Rodel in ihnen herunterrasen konnten. Und es mochte ja sein, dass die weltweite Bedeutung des Doppelsitzer-Rennrodelns im direkten Vergleich zu Zwergenweitwerfen oder Pfahlsitzen noch ausbaufähig war. Aber manche Leute fanden halt immer ein Haar in der Suppe. Sportminister Norbert Darabos hingegen wusste, dass die Bedeutung des Spitzensports nicht zuletzt in der Ankurbelung des Massensports bestand – sich also demnächst abertausende Österreicher in körpernahes Plastik einpacken und es so richtig tuschen lassen würden.

Und Verteidigungsminister Darabos wusste, dass Linger/Linger nur deshalb Eisbahnen herunterfahren konnten, weil sie vom Bundesheer für diese extrem sinnstiftende Tätigkeit bezahlt wurden.

Jetzt schlug seine Stunde. Es war für Norbert doch etwas überraschend, dass Linger/Linger zwar Brüder, aber keineswegs an Steiß- und Schambein zusammengewachsene siamesische Zwillinge waren. Gleich würden sie sich neben ihn stellen, und es würden Fotos entstehen, die die Menschen zu Hause für immer und ewig an Norbert Darabos und seine Verdienste für dieses Land erinnern würden. Ja, es würde fürderhin praktisch ausgeschlossen sein, auch nur eine Sekunde an Linger/Linger zu denken, ohne dass zumindest ein warmherziger Restgedanke oder aber, was wesentlich erstrebenswerter und auch wahrscheinlicher war, eine Vorzugsstimme für Norbert ­Darabos abfiel.

Norbert konnte richtig hören, wie Laura Rudas zu Hause in der SPÖ-Zentrale ob dieses Coups in schrille Lustschreie ausbrach, und er konnte fühlen, wie sich Günther Kräuter überlegte, ihn vor der nächsten von vornherein gewonnenen Faxwahl zu einem Strategiegespräch einzuladen – einfach, um demütig vom Meister zu lernen. Und er spürte auch den Hauch der Anerkennung, der aus dem Mund des Kanzlers über den großen Teich wehte, hatte Norbert ihm doch durch seine fotogene Eiskanalisierung zumindest ein paar Inseratenseiten in der einen oder anderen hochanständigen Boulevardzeitung erspart.

Aber das Allerbeste an dieser ohnehin schon runden, hocherfreulichen Angelegenheit, der Zuckerguss auf der Kuchengrafik, an der der Darabos/Darabos-Zugewinn im Vertrauensindex abzulesen war, das Tüpfelchen auf dem i des Wortes „Imagegewinn“ war: Maria Fekter, die in einem läppischen Versuch des Koalitionspartners, irgendwie auch in Vancouver vertreten zu sein, obwohl sie hier nun wirklich niemand brauchte und auch garantiert kein Hund zu Hause auch nur ein einziges Foto von ihr sehen wollte, auf dem sie sich an einen Randsportartler heranschleimte – Maria ­Fekter, diese blutige Amateurin, war schon abgereist.

rainer.nikowitz@profil.at