Am Schauplatz
Der Kommissar schlug den Mantelkragen hoch, drückte sich noch enger an die Wand und hielt den Atem an. Man konnte in diesen endlosen dunklen Gängen nicht vorsichtig genug sein. Die Opfer waren sich zu sicher gewesen und hatten es deshalb nicht kommen sehen. Aber nicht mit ihm. Er war zu lange im Geschäft. Er war mit allen Wassern gewaschen, darum hatten sie ja ihn hergeschickt. Die jungen Kollegen waren alle blass um die Nase geworden, als sie von dem Fall gehört hatten, und hatten sich ganz klein gemacht, um ihn nur ja nicht abzubekommen. Typisch Generation Vollkasko eben. Da wurden schon heranfliegende Wattebäusche zu Kanonenkugeln. Aber er war noch vom alten Schlag. Er hatte alles schon einmal erlebt. Er wusste, wann es Zeit war, in Deckung zu bleiben, er erkannte das sirrende Geräusch heranfliegender Hackln sofort. Und außerdem schützte ihn hier in diesen Gängen, in denen offenbar selbst die Hunde Messer trugen, ja zum Glück auch noch etwas anderes: Er war nicht vom ORF.
Wiederum andererseits musste man hier einfach höllisch aufpassen, nicht zum Kollateralschaden zu werden. Weißmann, Böhm, Prantner … hier war gerade Großreinemachen angesagt. Alte Rechnungen wurden beglichen. Und es war nicht ratsam, beim Inkasso zwischen die Fronten zu geraten. Der Kommissar lugte vorsichtig um die Ecke. Es war niemand zu sehen, nur eine einsame Vidiwall. Die Farbe rundherum blätterte von den Wänden. Hier hatte wohl jemand bei der Renovierung gespart. Und eher nicht an der richtigen Stelle. Außerdem roch es irgendwie seltsam … Am Ende Leichen im Keller? Ah, nein. Kantine um die Ecke! Dann war er ja am Ziel. Genau hier sollte er auf seinen Informanten warten.
Er wusste weder, wie sein Informant hieß, noch, wie er aussah, die Kommunikation war elektronisch und anonym gelaufen. „Wie erkenne ich Sie?“, hatte der Kommissar gefragt. „Keine Sorge: Ich erkenne Sie“, hatte der Informant geantwortet. „Niemand sonst im Haus lungert im Moment freiwillig unter einer Vidiwall herum, auf der steht: „ORF. Wie wir.“ Kein Mitarbeiter – und erst recht kein Besucher.“
Das hatte der Kommissar eingesehen.
Seit den Enthüllungen um diese drei Granden, beginnend beim Generaldirektor, die vor allem – wie in Österreich mittlerweile üblich – über entlarvende Chats gestolpert waren, gab es ständig neue. Andauernd tauchte neues Material auf, das jemand in ein sehr schlechtes Licht rückte, sei es wegen Belästigung oder Mobbing oder politischer Willfährigkeit, der Küniglberg-Skandal uferte immer mehr aus. Wenn das mit den erzwungenen Rücktritten so weiterging, musste man wegen personeller Ausdünnung wohl langsam die Schließung eines kleinen Landesstudios andenken. Von besonderem öffentlichen Interesse für die Qualitätspresse waren natürlich Protokolle mit Promis. Die Chats, in denen Andy Borg damit drohte, Bootleg-Tapes von Proben zu veröffentlichen, auf denen Hansi Hinterseer wirklich singt, waren da noch die harmlosesten. Da ging noch mehr. Ich sage nur: Prohaska über Pariasek. Schiach. Hätte man dem Herbert gar nicht zugetraut.
Manchmal bedeutete so ein Zund aber leider auch einfach leere Kilometer. Letztens hatten sich Protokolle, mit denen ein angeblicher Whistleblower auffliegen lassen wollte, dass zwei ORF-Stars ein heimliches Verhältnis miteinander hätten und dadurch auch ein mächtiges berufliches Netzwerk zum Schaden anderer bildeten, sehr rasch als gefälscht herausgestellt. Denn zum ersten hätte Armin Wolf aus einigermaßen naheliegenden Gründen wohl gewusst, dass Herr Assinger mit Vornamen nicht Arnold heißt – und er hätte ihm ganz sicherlich niemals eine solche ausgefallene Gegenleistung versprochen, wie in dem angeblichen Chat behauptet, damit er die Millionenfrage bei der „Promi-Millionenshow“ vorab erfährt. Denn als ORF-Mitarbeiter weiß er ja selbstverständlich, dass Assinger sie selber nicht weiß! Außerdem war der Whistleblower von Anfang an leicht dubios, er behauptete nämlich, der lang verschollene dritte Bruder von Hugo Portisch und Ursula Stenzel zu sein – also ein absoluter ORF-Insider.
Aber für heute hegte der Kommissar größere Hoffnungen. Denn schließlich hatte sein heutiger Informant geschrieben: „Ein ORF-General, der über Sex stolpert, ist ja gut und schön. Aber wie wären zwei?“
Eine kleine, gedrungene Gestalt kam aus der Kantine, eine Kappe tief ins Gesicht gezogen, im Halbdunkel kaum zu erkennen. „Ich komm gleich zur Sache“, raunte der Mann und sah sich gehetzt um. „Ich weiß, was damals wirklich passiert ist, als der Otto in der ‚ZiB‘ unterm Tisch von der Thurnher war!“
Der Kommissar holte tief Luft. Dann legte er ihm die Hand auf die Schulter und sagte: „Sehr schön. Gengan S’ zum ‚Falter‘.“