Rainer Nikowitz: Plan D

Rainer Nikowitz: Plan D

Zum Gück ist die EU jetzt endlich draufgekommen, wer in dem ganzen Flüchtlingsdilemma der wirklich absolut Böse ist: Österreich.

Juncker: J’accuse!
Faymann: Bei aller Liebe, aber: Nein. Wenn die „Krone“ des Foto druckt, auf dem du mich küsst, brauch i gar nimmer heimkommen.
Juncker: Nicht nur ein skrupelloser Menschenrechtsbrecher, sondern auch noch ein Banause! Typisch. Das ist ein sehr berühmtes Zitat, du Feind Europas. Und es bedeutet: Ich klage an!

Faymann: Aha. Wen denn? Is bei Luxemburg-Leaks wieder irgendeine Konzern-Steuerhurerei aufg’flogen, bei der du moralische Großinstanz deine Finger drin hast?
Juncker: Ich klage dich an, du Totengräber der Union! Ich habe doch wohl deutlich klargemacht, dass die Kommission keine nationalen Grenzkontrollen mag.
Faymann: Und was, wenn mich nur peripher interessiert, was du magst oder nicht?
Juncker: Ungeheuerlich! Wie kann man die gesamteuropäische Solidarität dermaßen mit Füßen treten?
Faymann: Frag die Briten. Oder den gesamten Osten. I glaub, die wissen alle recht gut, wie das geht. Oder die Franzosen. Frankreich 30.000 – Österreich 90.000. Und wir sind die Bösen?
Schulz: Und wieder nimmt alles Unheil seinen Anfang in Österreich. Das hatten wir doch schon einmal, nicht wahr?

Faymann: Jö! Die Nazi-Keule! Na endlich! Frage: Was wirst du sagen, wenn demnächst in Wien der Strache im Kanzleramt sitzt?
Schulz: Was ich immer tue: über den unerklärlichen Rechtsruck wehklagen und darauf achten, dass ich bei den Fotos, auf denen ich den Zeigefinger erhebe, sehr betroffen aussehe.
Juncker: Wir müssten dann natürlich auch wieder über Sanktionen nachdenken. Die haben ja schon einmal sehr geholfen.
Avramopoulos: Ich möchte betonen, dass Österreich das internationale Recht bricht. Ihr habt die Verpflichtung, jeden Asylantrag zu akzeptieren.
Faymann: Und wer san Sie nachher?
Avramopoulos: Also, hören Sie mal! Ich bin der EU-Flüchtlingskommissar!

Faymann: Ah, da schau her! So was haben wir? Cool. Und was machen Sie hauptberuflich, wenn ich fragen darf?
Juncker: Er arbeitet so wie wir alle mit Hochdruck an dem, was natürlich nach wie vor unser Plan A ist: die gesamteuropäische Lösung.
Faymann: Wann haben wir die Verteilung von 160.000 Flüchtlingen beschlossen? Vor fünf Monaten? Und was ist seitdem passiert? Da kann ma jeder Krügelstemmer am Häusl vom Ottakringer Kirtag mehr über Hochdruck erzählen, heast!

Juncker: Das kann ich so nicht stehen lassen. Bei der Verteilung geht sehr wohl einiges weiter! Ich habe gehört, übermorgen wird der 584. Umverteilte ins Flugzeug steigen. Ich plane dortselbst anwesend zu sein und huldvoll von der Gangway zu winken. Als starkes Zeichen für die uneingeschränkte Handlungsfähigkeit der EU, du verstehst?
Faymann: Ich wär ja auch sehr für Plan A. Aber da es den nicht spielt, braucht Österreich einen Plan B. Sonst kann ich meinen Sessel demnächst räumen. Und ich häng nun einmal ziemlich an meinem Sessel.
Schulz: Aber du wirst doch um Himmels willen nicht glauben, dass wir keinen Plan B haben! Ich meine, sind wir Amateure oder was?
Juncker: Nennen wir ihn lieber Plan C, Martin. Als kleines Entgegenkommen an die Österreicher.

Faymann: Also gut. Und wie schaut euer Plan C aus? Dem Sympathler Erdogan das Goderl kraulen, damit er uns, nachdem wir ihm endlich ein paar Milliarden überwiesen haben, dann keine Afghanen mehr schickt – aber dafür seine Kurden, gegen die er Krieg führt?
Juncker: Das ist der Plan von Angela.
Schulz: Also ist unser Plan dann doch eher Plan D.
Juncker: Und der besagt: Wir sitzen das einfach aus. Ihr schafft das schon!
Faymann: Wie jetzt … Ihr macht’s einfach gar nix?
Schulz: Das ist natürlich wieder einmal eine populistische Vereinfachung sondergleichen! Wir sind hier sicher keine Schönwetterveranstaltung, oh nein!
Juncker: Wir planen zum Beispiel noch in diesem Jahr, die IBAN-Nummern noch um weitere zwölf Stellen zu verlängern.

Schulz: Die Duschkopf-Verordnung ist auch schon beinahe fertig.
Avramopoulos: Ich für meinen Teil stecke bis über beide Ohren in der Ausformulierung der Förderrichtlinien für Anbieter von Sirtaki-Kursen für unbegleitete männliche volljährige Flüchtlinge, denen in Österreich der Zugang zu kulturellen Angeboten skandalös erschwert wird.
Faymann: Ich bin … sprachlos.
Juncker: Das überrascht uns nicht. Aber warte nur, bis erst die neuesten EU-Zustimmungsraten der Bevölkerung abgefragt werden. Das wird ein Triumph!
Schulz: Aber … wo läufst du denn jetzt hin?
Faymann: Zum Cameron.
Juncker: Ah! Willst du ihn also auch vom Brexit abbringen, wie?
Faymann: Nein. Ich hol mir ein paar Tipps.

rainer.nikowitz@profil.at