<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Platz, Markt!

Der Mitterhuber Hans war auf sein Triple-A immer sehr stolz gewesen. Aber leider waren die Märkte wieder einmal nervös.

Der Mitterhuber Hans war in seinem schon immerhin zu einem guten Drittel abbezahlten Reihenhaus gerade dabei, sich so richtig auf die in fünf Minuten beginnende Folge des „Bullen von Tölz“, die er erst viermal gesehen hatte, zu freuen, als es an der Tür läutete. Mitterhuber öffnete die Tür einen Spalt und lugte misstrauisch hinaus. Draußen standen drei komische Gestalten, die er noch nie gesehen hatte. „Wer is?“, rief Mitterhubers Frau aus der Küche. Mitterhuber schaute die drei fragend an.

„Guten Abend, Herr Mitterhuber“, sagte einer von ihnen. Er war von einem gewaltigen nervösen Zucken geplagt, das seinen Kopf alle drei Sekunden heftig zur Seite riss. „Wir sind die Märkte.“ „Es sind die Märkte“, rief der Mitterhuber Hans über seine Schulter. „Sag eana, mir kaufen nix!“, beschied ihm seine Frau streng. Einer der Märkte blickte von dem BlackBerry in seiner Hand auf, strich sich eine gegelte Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelte müde: „Aber Herr Mitterhuber! Wir wollen Ihnen doch nichts verkaufen!“

Der Mitterhuber Hans war durchaus erleichtert über diese Nachricht und wollte die unerquickliche Unterhaltung schon mit einem finalen „Na gut, also dann …“ beenden und zu Ottfried Fischer eilen, als der Markt mit dem BlackBerry fortfuhr: „Wir kommen nur kassieren.“

Mitterhuber verstand kein Wort. „Kassieren? Hab i was nicht bezahlt?“
„Ob er was nicht bezahlt hat!“, krähte der erste von den Märkten und zuckte freudig erregt. „Lieb!“, ergänzte der mittlere Markt grinsend und machte ein paar klappernde Tanzschritte mit seinen genagelten Schuhen. Dann verfinsterte sich seine Miene, und er sagte: „Herr Mitterhuber! Wir sind seeeeehr nervös. Und das ist nicht gut für Sie.“ Der Mitterhuber Hans schüttelte entgeistert den Kopf. „Nervös …“, wiederholte er tonlos. „Schon wieder? Ihr warts doch erst letztes Jahr nervös. Und ich hab doch schon damals gespendet.“

Der gegelte Markt schaute wieder von seinem BlackBerry auf. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Ja, aber das war ganz schlecht für Ihr Budget, Herr Mitterhuber. Ihre Schulden sind dadurch leider nicht gerade kleiner geworden. Und das sehen wir gar nicht gern.“ Mitterhuber war ratlos. „Ja, aber ich kann doch nicht dauernd … Ich bin grad nicht flüssig! Die Raten für das Haus. Und die Kinder fressen einem ja die Haare vom Kopf, das können Sie sich gar nicht vorstellen!“

Der Nagelschuh-Markt tippte mit der Fußspitze den Rhythmus des Hauptthemas von Beethovens Schicksalssymphonie auf die Terrakotta-Fliesen von Mitterhubers Eingangsstufen. „Das ist leider die falsche Antwort. Ihr Triple-A hängt an einem seidenen Faden, Herr Mitterhuber. Und wenn das weg ist – was glauben Sie, wie nervös wir dann erst werden!“

Mitterhuber verstand schon wieder nicht. „Mein Triple-A? Ich hab doch immer alles bezahlt! Wer würde mir denn das wegnehmen?“ Das Zucken beim ersten Markt verstärkte sich wieder. „Na wir. Wer denn sonst?“ „Das heißt also, ihr macht euch selbst nervös? Und was kann ich da dafür?“ Der BlackBerry-Markt seufzte tief. „Ein bissl ein ökonomisches Grundverständnis sollte man halt schon haben, Herr Mitterhuber!“, tadelte er. „Wir haben es satt, bei Leuten wie Ihnen dauernd mit dem kleinen Einmaleins anfangen zu müssen.“

Jetzt fühlte sich der Mitterhuber Hans in seiner Ehre gekränkt. „Entschuldigen schon die Herren“, pflaumte er, „aber wenn Sie das alles so gut verstehen, warum machen Sie dann nicht einfach dauernd fette Gewinne und lassen mich im Kraut?“

Jetzt zuckte der ganz nervöse Zuck-Markt überhaupt aus: „Machen Sie sich einmal keine Sorgen. Entweder wir machen unsere Gewinne, wenn Sie jetzt die Kohle rüberwachsen lassen – oder wenn dann rund um Sie herum alles zusammenbricht, weil Sie es nicht getan haben. Furchtbares Chaos! Soziale Unruhen! Darauf haben wir nämlich eh schon gewettet. Die weiche oder die harte Tour – wie hätten Sie es denn gern, Herr Mitterhuber?“

Mitterhuber setzte sich auf die Stufen und schlug verzweifelt die Hände vors Gesicht. „Ich weiß nicht, ich könnte vielleicht … Mein Auto? Wenn ich das verkaufe? Und den Fernseher. Oder die Tiefkühltruhe! Früher ist das auch gegangen, wie man noch alles eingesalzen hat …“

Der Nagelschuh-Markt bewegte seine Hand auf den Kopf von Mitterhuber zu und stand kurz davor, diesen begütigend zu tätscheln – zog sie aber dann mit einem leichten Anflug von Grausen im Gesicht wieder zurück. „Sie sind auf dem richtigen Weg, Herr Mitterhuber. Ein bissl Verzicht hat noch niemandem geschadet. Außer natürlich …“, der Nagelschuh-Markt lächelte versonnen, „außer natürlich – uns.“

Mitterhuber hatte seine Frau gar nicht kommen gehört. Er sah nur an den entsetzten Gesichtern der Märkte, dass sich da hinter ihm etwas zusammenbraute. Als er sich umblickte, stand da seine Elfriede mit einer Schrotflinte in der Hand. „Apropos soziales Chaos“, knurrte sie. „Die weiche oder die harte Tour, die Herren?“ Als die Märkte durch den Vorgarten davonhasteten, sahen sie nervöser aus als je zuvor. Und vor der Forsythie blinkte einsam ein BlackBerry vor sich hin.

rainer.nikowitz@profil.at