Rainer Nikowitz: Post it!

Rainer Nikowitz: Post it!

Hermann mochte die sozialen Medien sehr, gaben sie ihm doch die Möglichkeit, zum demokratisch-pluralistischen Diskurs das Seine beizusteuern.

In einer gerechten Welt hätte er jetzt einfach seine Frau schlagen können. Dann wäre der Dampf draußen gewesen, es wäre ihm wieder besser gegangen und später hätte er seiner Frau ein Kölnischwasser oder was gekauft in der Drogerie, und alles wäre wieder gut gewesen. Bis zum nächsten Mal halt.

Weil die Welt aber, wie ja jedermann wusste, nun einmal nicht gerecht war, im Allgemeinen nicht und erst recht nicht im Besonderen, in seinem ganz persönlichen Fall also, war auch das in seinem Leben nicht wirklich so gelaufen, wie man es sich hätte erwarten dürfen. Hermann war alleinstehend. Die meiste Zeit störte es ihn auch nicht allzu sehr. Niemand nervte einen, niemand stellte Ansprüche. Niemand stahl einem die Zeit, die man für seine zahlreichen Hobbys brauchte, zum Beispiel für … na ja, da hätte Hermann jetzt länger nachdenken müssen, für was alles.

Aber manchmal, da gab es halt doch Momente, die man gerne geteilt hätte. Wie jetzt gerade.

Es hatte sich ja schon einmal eine interessiert gezeigt, ganz so war es ja nun auch wieder nicht. Seine Friseurin. Da war Hermann wohl so gegen Ende 20 gewesen. Manche hätten dieses Alter möglicherweise als für die erstmalige Hinwendung zum anderen Geschlecht doch schon etwas fortgeschritten empfunden. Aber in der Zeit, in der die anderen alle angefangen hatten, in die Disco und so zu gehen und Petting und alles zu machen, da hatte der Hermann einfach keine Zeit gehabt. Da hatte er sich um seine Bierdeckelsammlung und die Mama kümmern müssen.


Er hatte das aber eigentlich hervorragend unter Kontrolle. Es fiel wirklich niemandem auf. Nicht einmal den Menschen, die ihm am nächsten standen.

Aber dann, als sich seine Friseurin immer so auffallend besondere Mühe gegeben hatte, seine immer größer werdende Tonsur am Hinterkopf zu kaschieren, da hatte sich der Hermann gedacht, jetzt ist es Zeit. Und sie dann eineinhalb Jahre, nachdem er sich das zum ersten Mal gedacht hatte, auch schon gefragt, ob sie vielleicht einmal auf einen Kaffee in die „Aida“ oder was mit ihm gehen wolle. Leider war das Treffen dann aber nicht unbedingt wie gewünscht verlaufen. Er hatte einen vorzeitigen Samenerguss gehabt, wie sie in ihre Schaumrolle gebissen hatte, und bald darauf war er gegangen. Und hatte dann den Friseur gewechselt.

Diese leichte Erregbarkeit, jetzt nicht nur sexuell, sondern in jeder Beziehung, die war dem Hermann aber bis heute, bis 20 Jahre später geblieben. Er hatte das aber eigentlich hervorragend unter Kontrolle. Es fiel wirklich niemandem auf. Nicht einmal den Menschen, die ihm am nächsten standen. Also seinen Kollegen in der Expeditabteilung des Möbelhauses oder der Supermarktkassierin. Wobei, die Kollegen hatte er ja jetzt nicht mehr, seit sie in der Chefetage vor vier Jahren zwar draufgekommen waren, dass es ihn hier gab – aber leider keinen stichhaltigen Grund für den Fortbestand dieses Faktums gefunden hatten.

Blieb also die Supermarktkassierin. Die war nett. Manchmal stellte sich Hermann vor, dass sie in eine Schaumrolle biss. Und dann musste er gar nicht lang auf seiner Lieblingspornoseite im Netz bleiben, bevor sich die einzige Erleichterung einstellte, die er manchmal noch verspürte. Sonst lastete nämlich vieles auf ihm, und es wurde nicht besser. So viel lief falsch auf dieser Welt, dass es einen wunderte, dass die Leute, die ja eigentlich gescheiter waren als er – oder es zumindest glaubten –, das alles nicht sahen. Oder falls sie es schon sahen, trotzdem nichts dagegen unternahmen. Wie war das möglich? Was war das für ein groß angelegter Betrug, der da lief?


Und jetzt, jetzt gerade musste er sich wieder so furchtbar ärgern über das, was diese blöde Trutschen da im Fernsehen gesagt hatte.

Und wie konnten die nur glauben, dass sie damit bei Hermann durchkommen würden? Oh nein, nicht mit ihm. Nicht mit dem weiß gleißenden Zorn, der in ihm mittlerweile schon einen Meldezettel ausgefüllt hatte. Nicht mit der Wut, die ihn oft so laut vor dem Fernseher aufschreien ließ, dass die Nachbarn an die dünnen Wände der Siebzigerjahre-Genossenschaftswohnung, die das Einzige war, das ihm die Mama hinterlassen hatte, pumperten. Nicht mit seinem Wissen, das er sich mittlerweile selbst im Netz angelesen hatte, auf den unabhängigen Seiten, die sich nicht vom System den Mund verbieten ließen.

Und jetzt, jetzt gerade musste er sich wieder so furchtbar ärgern über das, was diese blöde Trutschen da im Fernsehen gesagt hatte, weil … es einfach nicht seine Meinung war! Warum sagten die da nicht die Wahrheit? Und warum konnte Hermann nichts dagegen unternehmen? Wobei, irgendwann würde er können, da war er sicher. Irgendwann würden nämlich er und die anderen Hermanns endlich das Sagen haben, und dann würden sie diesen ganzen Typen schon zeigen, wo der Bartl den Most holt. Aber bis dahin hieß es halt, sich noch ein wenig in Geduld zu üben. Und Hermann übte sich: „Man sollte diese blöde Schlampe im Dschungel an einen Baum binden und ihr von einer Affenhorde den letzten Rest von Hirn aus dem Schädel ficken lassen!!!!“, schrieb er.

Und dann drückte er zufrieden auf „Posten“.

rainer.nikowitz@profil.at