<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Ratrennen

Es wird jetzt höchste Zeit für ein Outing: Ja, auch ich bin Lobbyist – und stolz darauf!

Nachdem sich nicht zuletzt in diesem an sich prächtigen Magazin, das Sie gerade in Händen halten, die fürchterliche Unsitte breitgemacht hat, ehrliche Arbeit fortgesetzt mit Schaum vor dem Mund zu diskreditieren und die Erbringer von unverzichtbaren Leistungen für die Gesellschaft als kriminell oder zumindest moralisch minderwertig hinzustellen, ist es höchste Zeit für ein Outing: Ja, auch ich bin Lobbyist und Berater für alle Lebenslagen. Und ich sehe überhaupt nicht ein, dass meine ehrenwerten Kollegen und ich ständig angepinkelt werden.

Nehmen wir nur den jüngsten Fall: An der Tatsache, dass der international anerkannte und in Brüssel für sein kluges Schweigen geschätzte Ernst Strasser als Berater des Beraters Peter Hochegger 100.000 Euro verdient hat, weil er geholfen hat, „ein Problem, das ein ausländischer Kunde hatte, zu beseitigen“, ist nur eines bemerkenswert: der Dumpingpreis.
Es ist einfach unverantwortlich und darüber hinaus hochgradig unkollegial, den Markt so zusammenzuhauen. Und diese Unsitte ist offenbar auch nicht auszurotten: Ich habe mir schon vor Jahren Franz Vranitzky zur Brust genommen, weil er für die sicherlich exquisite telefonische Beratung Wolfgang Flöttls in Sachen Euro-Einführung nur eine lächerliche Million Schilling verrechnet hat. „Vranz“, habe ich gesagt, „was soll das? Um die paar Netsch kann ich mir nicht einmal meinen Hubschrauber-Landeplatz asphaltieren. Geschweige denn, mir endlich die Galapagosinseln kaufen – bevor sie mir der Mensdorff Ali wegschnappt und dann seine Geschäftspartner zu Leguan-Treibjagden einfliegen lässt.“
Aber hört wer auf mich? Gut, ja. Der Meischi. Der hat begriffen, dass sich Leistung lohnen muss, auch dann, wenn man sie schnell wieder vergisst. Dies gebietet mitunter ja auch die Diskretion. Was ich schon alles vergessen habe – das geht ja in kein Abhörprotokoll.

Nehmen wir nur einmal Skylink. Sie, verbildet und aufgehetzt, wie Sie nun einmal leider sind, schreien jetzt sicher wieder gleich: „Skandal!“ Und wenn irgendwann in nächster Zeit herauskommen sollte, dass ich daran mit einem kleinen, aber feinen 3-Millionen-Auftrag beteiligt war, werden Sie mir die Freundschaft kündigen und fortan nur noch Michael Jeannée lesen. Aber: Ohne meinen umsichtigen Einfluss hätte sich Erwin Pröll vollends durchgesetzt, und das Ding stünde jetzt nicht in Schwechat, sondern in St. Pölten.

Oder ein anderes Bauprojekt, auf das das Land dringend gewartet hat: der Koralmtunnel. Sie haben ja keine Ahnung, wie lange es gedauert hat, Doris Bures davon zu überzeugen, dass er doch nicht vertikal gebohrt werden sollte. Selbst Gerhard Dörfler war schneller zu dieser Einsicht zu bewegen – allerdings musste ich erst meinen Berater-Berater Hochegger als Ivan Rebroff verkleidet zu Uwe Scheuch schicken. Hat mein Honorar ganz schön dezimiert – aber Hochosterwitz gehört jetzt trotzdem mir.
Bei der imagepolierenden Beratung von Politikern habe ich überhaupt definitiv mehr Erfolge vorzuweisen als jeder andere. Wenn Mathias Reichhold und Hubert Gorbach rechtzeitig zu mir und nicht zur Konkurrenz gegangen wären, dann müsste Gorbach heute nicht in Weißrussland so tun, als würde er bei den vielen Stimmzetteln für Alexander Lukaschenko eins und eins zusammenzählen können. Er würde vielmehr in Washington sitzen und sagen: „Sorry, ­Barack. But you are speaking such a cottage cheese together!“

Wer hat den FPÖ-Reim auf „Mehr Mut …“ erfunden? Und darüber hinaus für das stumme H Sorge getragen? Wer hat damals, als Willi Molterer beim Heurigen der Industriellenvereinigung nicht und nicht vom Buffet wegzukriegen war, gesagt: „Es reicht!“? Und wem ist es zu verdanken, dass Karl-Heinz Grasser in den Nullerjahren nicht die Kilometerstände bei Gebrauchtwägen zurückschraubte, sondern die ebenso überkommenen wie überzogenen Vorstellungen von Anstand und Integrität?

Und dass Nursultan Nasarbajew eingedenk meiner Verdienste nicht mich engagiert hat, um im Westen besser verstanden zu werden, sondern Alfred Gusenbauer, muss auf ein bedauerliches Informationsdefizit seitens des kasachischen Geheimdienstes zurückzuführen sein. Denn ihm angesichts eines schreienden Folteropfers ins Ohr zu raunen: „Nur des übliche Gesudere!“ – das ist doch bitte das kleine Einmaleins.
Eines ist Ihnen nunmehr hoffentlich klar: Ohne meine geschätzten Kollegen und mich, die wir uns tagtäglich, beseelt von der Sorge um das Gemeinwohl, in die aufreibende Arbeit stürzen, stünden Sie ziemlich ratlos da. Vielleicht ­bedenken Sie das auch, wenn Sie die gemeine Wirtschaftsgeschichte dieser Ausgabe lesen und solidarisieren sich mit jenen, die es verdienen.

Und nein, danken Sie mir jetzt nicht. Das ist wirklich überhaupt nicht nötig. Weil darum kann ich mir ja schließlich nichts kaufen.

rainer.nikowitz@profil.at