<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Rot werden

Heute war endlich wieder einmal Werners Tag, so viel war klar. Denn heute ging es den Bonzen an den Kragen.

Gleich nach dem Aufstehen spürte er ihn. Er war wieder da. Dieser leichte, nahezu schwebende Gewinnerschritt, der ihn schon im Wiener Rathaus nicht zuletzt zum Liebling der Raumpflegerinnen gemacht hatte. Weil es gerade dieses federngleiche Tänzeln gewesen war, das es Werner stets ­ermöglicht hatte, nicht nur bei all seinen Gesprächspartnern, sondern auch auf dem empfindlichen Linoleum keinen nennenswerten Eindruck zu hinterlassen.

Heute war sein Tag, so viel war klar. Endlich wieder einmal. Denn heute war SPÖ-Parteitag. Er rief Laura an. Seine Bundesgeschäftsführerin war gerade dabei, ihren Lieblingspiranha „Angie O.“ mit dem von ihr aus der nahen Filiale eines üblen Handelsmultis entführten Ohr eines Kapitalschweines zu füttern und über ihre neueste Kampagnenidee „Dachterrassenwohnungen sind ein Menschenrecht“ zu sinnieren.

Laura hatte für heute alles perfekt vorbereitet. Nachdem die „Internationale“ in der Version für langjährige Lärmschutzbeauftragte von Christian Kolonovits schon so ein durchschlagender Erfolg gewesen war, hatte der größte lebende Komponist von ganz Rechnitz und Umgebung für heute den Auftrag erhalten, den Einzug des Kanzlers in die Pyramide in Vösendorf mit einer an die große Whitney Houston erinnernde Version des „Einheitsfrontliedes“ („Reiheiheieieieiheih dich eiheihein – in dieeeeeeeeeeee Arbeitereinheitsfrohohohohnt – weil du auhuauch ein Aaaaarbeiheiheiheiter biiihiiiist“) zu verbrämen. Da war Gänsehaut vorprogrammiert!

Bei der Tombola für die Delegierten gab es als Hauptpreis eine Kreuzfahrt in eine nicaraguanische Heizdecken-Kooperative zu gewinnen. Und der zweite Gewinner durfte sich immerhin noch gemeinsam mit Franz Voves an die Tür des steirischen Landeskrankenhauses Hörgas-Enzenbach anketten, um dessen selbstverständlich ohnehin nie geplant gewesene Schließung zu verhindern.

Die Showeinlage würde – da Marlene Charell leider verhindert war und Franz Vranitzky nicht allein tanzen wollte – die Messerwerfertruppe „Hair Cut“ übernehmen. Bei ihrem Act ging es irgendwie um einen Bankdirektor und das griffige Schlagwort „Zerteilungsgerechtigkeit“ – Laura war schon voll darauf gespannt.

Alles in allem würde das eine sehr stimmungsvolle Angelegenheit werden. Und Laura war durchaus ein wenig stolz auf sich selbst. „No?“, schnarrte es aus ihrem Handy. „Alles im grünen Bereich?“ – „Im roten, Chef“, gurrte Laura zurück, „im tiefroten!“

Werner wusste, was er an ihr hatte. Seit sie ihn nach der Serie von Wahlniederlagen beschworen hatte, er möge doch zurück zu den Wurzeln gehen, und er sich daraufhin gegenüber der ehemaligen Zentrale der Zentralsparkasse, bei der er einst als 25-jähriger „Konsulent“ ins beinharte Erwerbsleben eingestiegen war, auf eine Transparenzdatenbank gesetzt und lange darüber nachgedacht hatte, wie man denn die Welt ein wenig besser machen konnte – mit festem Hinpecken auf die Reichen, aber natürlich auch mit vielen wunderbaren kleinen Krankenhäusern oder ganz vielen Bundesbahnern oder auch nicht wenigen Inseraten in Zeitungen für angewandte Analphabeten –, ging es schließlich wieder steil bergauf mit ihm. Und mit der Partei.

Nicht einmal er selbst konnte umhin, seine für heute geplante Grundsatzrede als bahnbrechend zu bezeichnen. Im Kern würde die ungeschminkte Aussage stehen, dass es unbedingt notwendig sei, dass die Sozialdemokratie die führende Kraft im Staate bleibe – weil es ansonsten nämlich jemand anderer sein würde. Damit riss man selbst den lethargischsten Delegierten aus dem Montafon, einen also, der sein Leben lang Zeit gehabt hatte, mit Niederlagen fertigzuwerden, von seinem Sitz, so viel war klar.

Und es war ihm auch schon aus Kreisen der Hochfinanz signalisiert worden, dass Warren Buffet, George Soros und Hans Sachs – der jüngere Bruder von Goldman – gemeinsam zitternd vor dem Computer sitzen würden, um herauszufinden, wie Werner heute mit ihnen Schlitten fahren würde. „Ich hab mir das Tattoo doch noch machen lassen“, beschied Werner seiner Laura. „In der linken Handfläche steht ‚Eat the‘ und in der rechten ‚Rich!‘. I hab mir das so vorgstellt: I sag ‚Liebe Freunde, jawohl, wir haben eine Krise. Aber ich stehe nicht mit leeren Händen vor euch.‘ Und dann streck ich sie ihnen entgegen! No, was sagst?“

Laura dachte angestrengt nach. Irgendwas in ihrem an hochkomplexes strategisches Denken gewöhnten Kopf sagte ihr, dass hier etwas nicht stimmte. „Links“, dachte sie. Und dann mit Schaudern: „Rechts!“ Und mit einem Mal erkannte sie das Problem.

„Chef“, sagte sie, „du hast links und rechts verwechselt.“ Faymann schnaubte empört. „Moment einmal, ja? Populismus ist per se nichts Schlechtes, nur weil …“ Rudas unterbrach ihn: „Aus der Sicht vom Publikum steht auf deine Händ ‚Rich eat the‘.“

„Ah so“, sagte Werner. „Na ja, macht nix. Is eh nur aufpickt.“ Im Radio lief gerade das Einheitsfrontlied in der Kolonovits-Version. Werner stellte befriedigt fest, dass er fast schon den Text konnte.

rainer.nikowitz@profil.at