<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Scarface

<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
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Nach dem Schaufenster-Antifaschisten von vergangener Woche diesmal sein Widerpart im Exklusivinterview: ein schlagender Burschenschafter.

profil: Gestatten Sie mir zu Beginn eine persönliche Frage: Ihnen fehlt vom Scheitel abwärts bis zur Oberkante des rechten Ohrs praktisch der halbe Schädel. Tut das nicht weh?
Vauwehgulf: Nur, wenn ich denke.

profil: Aber das lässt sich ja nicht vermeiden.
Vauwehgulf: Doch, das geht schon. Man braucht halt Disziplin, die deutscheste der Dugenden!

profil: Tugenden.
Vauwehgulf: Aua!

profil: Sind Sie eigentlich wegen dieses Handicaps einer schlagenden Burschenschaft beigetreten? Nach dem Motto: Schiach bin ich eh schon – da kommt es auf unsympathisch auch nicht mehr an?
Vauwehgulf: Was für eine geschmacklose Unterstellung!

profil: Sie haben Recht. Entschuldigung.
Vauwehgulf: Beigetreten bin ich wegen des Mundgeruchs, der Haare auf dem Rücken, der Genitalwarzen …

profil: War sicher keine leichte Jugend. Keine Freunde, keine Mädchen …
Vauwehgulf: Aber seit ich weiß, dass ich die Krone der Schöpfung bin, weil sogar meine chronischen Blähungen den Ariernachweis haben, ist alles wieder gut.

profil: Blähungen haben Sie auch noch?
Vauwehgulf: Wir alle. Sie sollten einmal bei uns auf der Bude sein. Wenn wir Sauerkrautparty gehabt haben, ist es so arg, da machen wir uns nach dem dritten Bier gerne den Spaß, historische Massenduschszenen nachzustellen!

profil: Ganz die neuen Juden eben.
Vauwehgulf: Na ja, nicht ganz. Weil wir sind ja nicht selber Schuld.

profil: Und wie ist denn nun das Malheur mit dem halben Kopf passiert?
Vauwehgulf: Ein kleiner Unfall bei einer Mensur. Das kann schon einmal vorkommen unter richtigen Männern. Aber wenigstens passt mir jetzt die Kappe so gut wie keinem anderen.

profil: Normalerweise werden bei einer Mensur doch nur Gesichter tranchiert. Wie schaut denn der andere aus?
Vauwehgulf: Warten Sie, wer war denn schnell der andere? Lassen Sie mich einmal nachden… Aua!

profil: Kommen wir zum eigentlichen Grund unseres Gesprächs: Sie und Ihre spaßig kostümierten Freunde wollen im Mai einen Aufmarsch in der Wiener Innenstadt machen, vorgeblich um des Revolutionsjahres 1848 zu gedenken. Weil es genau 166 Jahre her ist?
Vauwehgulf: Ja. Der ist gut, oder?

profil: Ein Brüller.
Vauwehgulf: Aber wenn Ihnen das besser gefällt, dann feiern wir am 8. Mai halt 100 Jahre Donnerstag. Suchen Sie sich was aus.

profil: Sie wollen also nicht vielleicht ein bisschen öffentlich trauern, weil die Nazis am 8. Mai den Krieg verloren haben?
Vauwehgulf: Wir haben gar nichts verloren! Das war ein klassisches Unentschieden!

profil: Warum hat sich Adolf dann den halben Kopf weggeschossen?
Vauwehgulf: Daran mag ich gar nicht den… Aua!

profil: Das, was in Ihren Kreisen schon als Intellektueller gilt, also Andreas „Kristallnacht“ Mölzer, hat ja ohnehin schon verraten, worum es bei diesem Aufmarsch geht: „Sollten irgendwelche Verrückten da dagegen demonstrieren und wieder gewalttätig sein, wissen ja die Menschen auch ganz genau, wer die Schuld daran hat.“
Vauwehgulf: Bei Wotan, jetzt warten Sie aber einmal, ja? Das ist dermaßen plump, dummdreist und hanebüchen, dass eigentlich nicht einmal unsere Wähler blöd genug dafür sein sollten – obwohl das echt was heißen will. Also zusammengefasst: exakt unser Stil, ja!

profil: Kann es sein, dass Sie diese Antwort möglicherweise nicht bis ganz zum Ende durchdacht haben?
Vauwehgulf: Eh nicht. Hallo? Da könnte ich mich ja gleich selber waterboarden.

profil: Aber Sie sind doch alle Akademiker. Und sowieso schon kraft Geburt die Elite der gesamten Menschheit. Wie können gerade Sie sich denn in dermaßen billigen Provokationen ergehen?
Vauwehgulf: Nie hat uns früher wer angeschaut, wegen unseres Mundgeruchs, wegen der Haare auf dem Rücken und allem. Und kaum ist man ein bisschen rechtsradikal – schon schauen alle!

profil: Sie wollen also nur ein wenig Aufmerksamkeit? Ein wenig Wiedergutmachung für die Verletzungen von früher?
Vauwehgulf: Sagen Sie nicht „Wiedergutmachung“. Dieses Wort hat in unseren Kreisen irgendwie keinen so guten Klang. Was wir wollen, ist, dass man uns anders sieht. Wir wollen Revisionismus. Weil: Wir sind gar nicht schiach. Oder schlecht. Und vor 70 Jahren war auch nicht alles schlecht.

profil: 80 Millionen Tote, ein verwüsteter Kontinent, Konzentrationslager …
Vauwehgulf: Na ja, wenn man sich immer nur die paar negativen Einzelbeispiele herauspickt.

profil: Und Sie machen sich über diese paar negativen Einzelbeispiele nie irgendwelche Gedanken?
Vauwehgulf: Auuuaaaaaa!

rainer.nikowitz@profil.at