Rainer Nikowitz: Rotlauf

Rainer Nikowitz: Rotlauf

Malecek kannte sich mit seiner Partei nicht mehr so recht aus. Also rief er sie einfach an.

SPÖ: Sozialdemokratische Partei Österreichs, guten Tag. Was kann ich für Sie tun?
Malecek: Freundschaft!
SPÖ: Kommt drauf an.
Malecek: Worauf?
SPÖ: Sind Sie Burgenländer?
Malecek: Nein.
SPÖ: Steirer?
Malecek: Auch nicht.
SPÖ: Freundschaft!
Malecek: Ich hätte da gern eine Auskunft. Bezüglich der Linie der Partei.
SPÖ: Nun gut. Sagen wir so: Im Fußball wäre unsere Linie im Moment eher nicht die am Sechzehner des Gegners, sondern mehr die Outlinie.
Malecek: Äh … San Sie angsoffen?
SPÖ: Aber nein! War nur ein kleiner Scherz! Wir sind angewiesen worden, dem ganzen üblichen Gesudere, das wir im Moment wegen eh scho wissen zu hören kriegen, mit Humor zu begegnen.

Malecek: Aha. Na ja. Muss i des verstehen?
SPÖ: Nein. Aber verstehen Sie, was die SPÖ im Burgenland und in der Steiermark gemacht hat?
Malecek: Nein.
SPÖ: Na, dann kommt’s ja auf das auch nicht mehr an! Wissen Sie übrigens, dass „Muss ich das verstehen?“ innerhalb der SPÖ mittlerweile überhaupt die am häufigsten verwendete Frage ist? Hat sogar den langjährigen Spitzenreiter „Pizza oder Chinese?“ abgelöst.
Malecek: Interessant.
SPÖ: Also gut, Sie haben eine Frage zur Linie der Partei. Welcher denn?
Malecek: Na ja, der Linie in der Frage der …
SPÖ: Neinnein, ich hab gemeint: Welcher Partei?
Malecek: Öh … Simma leicht mehr als eine?
SPÖ: Lesen Sie keine Zeitungen?

Malecek: Schon, aber … Mit welcher Partei red ich gerade?
SPÖ: Mit der Bundespartei. Aber es kommt jetzt natürlich darauf an, was Sie hören wollen. Rot-Blau ja oder nein? Freiwillige Kapitulation auf steirisch ja oder nein? Je nachdem kann ich Sie dann mit jeder gewünschten Landespartei verbinden. Wobei ich einschränkend dazusagen muss: Manche werden nicht abheben, wenn Sie meine Nummer sehen.
Malecek: Wieso denn nicht?
SPÖ: Wegen der Eigenständigkeit. Darüber lass ma nix kommen in der SPÖ. Da haben wir unsere Prinzipien.
Malecek: Ma kann’s aber schon auch übertreiben.
SPÖ: Mit den Prinzipien? Ja, sicher. Wir haben eh schon urviele entsorgt, aber bei …
Malecek: Ich hab gemeint: Mit der Eigenständigkeit.
SPÖ: Irgendwie reden wir zwei dauernd ein bissl aneinander vorbei, ha? Sind Sie Stammwähler?
Malecek: Selbstverständlich.
SPÖ: Ah so, deswegen!

Malecek: Ich finde ja, man übertreibt es mit der Eigenständigkeit, wenn der Landeshauptmann einer Zwergprovinz einfach so im Alleingang Rot-Blau für salonfähig erklären kann. Wozu ist denn der Faymann bitte Bundesparteichef?
SPÖ: Damit’s kein anderer ist?
Malecek: Man kann das dem Niessl aber nicht einfach durchgehen lassen!
SPÖ: Schauen Sie, wir sind darüber zwar auch nicht erfreut, aber Sie vergessen dabei, dass sowohl die Tatsache, dass Hans Niessl das gemacht hat, als auch die, dass Werner Faymann nichts gemacht hat, unserem überhaupt obersten Prinzip gefolgt ist. Und bei dem können Sie auch sicher sein, dass wir uns nicht von ihm trennen werden.
Malecek: Welchem?
SPÖ: Politik ist wie dieses Spiel: Die Reise nach Rom. Es gibt immer zu wenig Sessel. Deshalb muss man gut aufpassen, wenn man einmal sitzt.

Malecek: Außer, man ist der Voves. Der lässt freiwillig einen Schwarzen auf seinen Sitz und sagt dazu: „Von uns kann das keiner.“
SPÖ: Auch darüber sind wir nicht erfreut, aber andererseits passt die erfrischende Offenheit des Genossen Voves doch wiederum ganz gut zu unserer neuen Werbelinie der schonungslosen Wahrheit.
Malecek: Aha. Wie sieht denn die genau aus?
SPÖ: „Ihnen fällt kein Grund mehr ein, SPÖ zu wählen? Uns schon: Mitleid.“
Malecek: Oh ja. Das klingt mir nach einer sehr zukunfts­trächtigen Strategie.
SPÖ: Sie sagen es! Die einzig mögliche. Es ist ganz wichtig, die Leute auf der Gefühlsebene zu kriegen. Und natürlich die Haare schön zu haben.
Malecek: Aber ich sag Ihnen was: Da will ich eigentlich nicht mehr dazugehören. Da find ich mich nicht wieder.
SPÖ: Sagen Sie so was nicht!
Malecek: Ja, aber wofür stehen wir denn noch?

SPÖ: Für … alles! Weil wir nichts glaubhaft vertreten. Da kann sich jeder wiederfinden.
Malecek: Das ist mir zu wenig. Da mach ich nicht mehr mit. Ich werde aus der Partei austreten.
SPÖ: Das ist sehr schade, dass Sie sich wegen solcher Lappalien gleich zu einem so drastischen Schritt entschließen. Aber ich muss Sie darauf hinweisen, dass das auch gar nicht so einfach ist.
Malecek: Wieso nicht? Aus einer Partei auszutreten ist die einfachste Sache der Welt.
SPÖ: Nicht, wenn man zuerst einmal die Frage klären muss: Aus welcher?

rainer.nikowitz@profil.at