Rainer Nikowitz: St. Florian

Rainer Nikowitz: St. Florian

Um ihre unbändige Problemlösungskompetenz zu beweisen, wird die EU bald einen beeindruckenden Asylgipfel abhalten.

Merkel : Liebe Freunde, die Lage ist ernst. Tag für Tag drängen Tausende Flüchtlinge in die EU. Wir brauchen dringend ein Konzept, wie wir damit umgehen sollen. Also, die Diskussion ist eröffnet. Gibt es Ideen?
Hollande : Ziehen wir Streichhölzer.
Cameron : Nein.
Hollande : Warum nicht?
Cameron : Ich könnte verlieren.
Tsipras : Ich habe nicht nur eine Idee, sondern, wie bei Syriza üblich, überhaupt gleich die Lösung.
Merkel: Auweia!

Tsipras: Wir machen mit den Flüchtlingen das, was wir in einem solidarischen Europa auch mit den griechischen Schulden machen hätten sollen: Die Deutschen nehmen sie alle.
Merkel: Das ist ja einmal eine echt originelle Idee. Aber was, wenn wir nicht wollen?
Tsipras: Dann seid ihr Nazis.
Orbán: Das ist eine Ungeheuerlichkeit!
Merkel: Danke, aber ich kann mich schon selbst verteidigen.
Orbán: Ich verteidige nicht Sie, sondern das ungarische Alleinstellungsmerkmal! Aber abgesehen davon: Uns sind bei unseren intelligenten Grenzsicherungsmaßnahmen ungefähr 400 Kilometer Stacheldraht übrig geblieben. Wenn Sie Ihre offene Südflanke verteidigen wollen, mache ich Ihnen einen guten Preis!
Faymann: Aber an der offenen Südflanke … da sind ja wir!

Orbán: Das ist ja das Problem. Ihr lasst doch alle durch.
Faymann: Sie meinen, die ganzen ungarischen Schlepper?
Orbán: Ich werde hier sicher keine
Angriffe auf das freie Unternehmertum in Ungarn zulassen!
Cameron: Ein Stacheldrahtzaun bringt doch auch nichts. Nehmen Sie uns Briten, also die Ärmsten der Armen: Da haben unsere Vorfahren mit viel Mühe den Ärmelkanal angelegt, um unsere wunderbare Insel vor den Festlandbarbaren zu schützen – und was passiert? Jetzt haben Sie sogar einen Tunnel unter dem Meer gegraben, um uns zu infiltrieren!
Hollande: Sie vergessen wohl, was auf der anderen Seite des Tunnels liegt!

Cameron: Ein Land, in dem das Leben offenbar so schrecklich ist, dass sich die Flüchtlinge lieber in Lebensgefahr begeben?
Hollande: Welche Gefahr genau? Die durch die englische Küche?
Merkel: Das Grundproblem ist ja wohl, dass alle die Flüchtlinge weiterschicken. Angefangen bei den Italienern und den Griechen.
Tsipras: Die wollen ja nicht bei uns bleiben. Ich meine, nicht einmal die Griechen wollen in Griechenland bleiben.
Renzi: Und was sollen bitte wir Italiener machen? Jemand, der in einer Nussschale über das Meer kommt – den soll der Brenner aufhalten?
Cameron: Das Meer bietet heutzutage auch keinen Schutz mehr: Nehmen Sie uns, also die Benachteiligtsten der Benachteiligten: Da haben unsere Vorfahren mit viel Mühe den Ärmelkanal …

Hollande: Ihr putzt euch genauso ab wie die ganzen Oststaaten. Am liebsten würdet ihr überhaupt keinen Flüchtling nehmen. Warum seid ihr eigentlich wirklich noch in der EU?
Cameron: Wegen des Britenrabatts. Aber auch der wird bald nicht mehr ausreichen. Dann kann man uns nur noch halten, wenn wir Nettoempfänger werden und trotzdem nirgends mitmachen müssen.
Merkel: Es kann doch nicht sein, dass wir hier nicht einmal Lösungsansätze zusammenbringen! Was halten Sie von der Idee der Erstaufnahmezentren an den EU-Außengrenzen? In denen die Flüchtlinge bleiben, damit gleich dort abgeklärt werden kann, wer überhaupt eine Chance auf Asyl hat?
Renzi: Finde ich nicht so gut.

Merkel: Warum nicht?
Renzi: Weil wir die Außengrenze sind.
Orbán: Wollt ihr vielleicht meinen Stacheldraht? Nach ein paar Adaptierungsarbeiten schwimmt er sicher auch.
Faymann: Nachdem Österreich überproportional betroffen ist, braucht es hier einfach eine gesamteuropäische Lösung. Und wir müssen an der Wurzel des Problems ansetzen – also vor Ort.
Cameron: Ach ja, stimmt. Euer Außenminister hat ja auch anklingen lassen, dass man den IS militärisch bekämpfen sollte. Wie viele Soldaten schickt Österreich?
Faymann: Wir? Wir sind doch neutral! Aber total solidarisch.

Hollande: Was machen eigentlich die Amerikaner? Sollten die nicht auch Syrer nehmen?
Orbán: Na ja … Für ein Schlauchboot ist der Weg bis New York zwar ganz schön anspruchsvoll, aber andererseits: Wenn sie nicht nach Griechenland kommen, kommen sie nicht nach Mazedonien, nicht nach Serbien – und nicht nach Ungarn! Super Idee! Alexis, könnt ihr nicht Wegweiser aufstellen?
Tsipras: Nur, wenn die Nazis sie zahlen.
Orbán: Wir haben auch kein Geld.
Tsipras: Die anderen Nazis.
Merkel: Also gut, nachdem uns sonst nichts einfällt, sollten wir wenigstens gleich den nächsten Gipfel vereinbaren. Wie wäre es am …
Cameron: Da hab ich leider keine Zeit.

rainer.nikowitz@profil.at