<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Statistische Schwankungsbreite

Eigentlich wollte der Krahulec Kevin gerade in Zeiten wie diesen die Sonntagsfrage nicht beantworten. Aber andererseits …

Kevin Krahulec war gerade nach einem harten Tag im Wettbüro nach Hause gekommen, als plötzlich sein Telefon läutete. Wer konnte das so spät noch sein? Krahulec war mit seinen persönlichen Daten sehr heikel, also meldete er sich auch am Festnetz nie mit „Krahulec“, sondern nur mit einem schlichten, seine natürliche Freundlichkeit nicht zur Gänze zum Ausdruck bringenden „Jo?“.

Die Anruferin klang, als hätte sie gerade mit jungfräulicher Eselsmilch gegurgelt: „Guten Tag, mein Name ist ­Désirée Vielhauer vom Meinungsforschungs­institut ‚Iman‘. Es geht um die Sonntagsfrage. Würden Sie mir die freundlicherweise beantworten, Herr Krahulec?“

Nun hatte der Krahulec Kevin erst letzten Sonntag zufällig mit seinen besten Haberern bis vier Uhr Früh „100 Jahre Sonntag“ gefeiert – und da waren eigentlich keine Fragen offengeblieben. Aber nachdem Désirée sein Schweigen als Zustimmung deutete, schoss sie nach: „Wenn am nächsten Sonntag Nationalratswahl wäre – wem würden Sie denn Ihre Stimme geben?“

Solche Intimitäten pflegte Krahulec nicht einmal mit ­seiner AMS-Betreuerin zu teilen. Andererseits war er doch einigermaßen geschmeichelt, dass ihn außer dem Stiftinger Martin auch endlich einmal wer anderer um seine Meinung fragte – wobei der Martin noch dazu immer nur wissen wollte, wie denn dem Kevin zufolge die Rapid spielen würde.

„Bitte, i sag a so“, hob er an. „Mir is ja a so a Minarett wurscht – solang oben a Kreuz drauf is.“ Frau Vielhauer versuchte, diese etwas eigenartige Antwort mit der ganzen Professionalität, die sie in ihrer doch schon dreimonatigen Laufbahn in diversen Callcentern erworben hatte, zu überspielen.

„SPÖ, ÖVP, FPÖ, BZÖ, Grüne?“, versuchte sie Krahulec flötend auf die Sprünge zu helfen. „Aber dass auf de Milchpackeln ,Milch‘ jetzt a auf Türkisch steht, oiso ,Mülch‘ oder so, des muaß eigentli net sein. Was glauben denn die Türken sunst, was in dem Packl leicht drin is? Obstler?“

Désirée beschloss, dieses störrische Pferd von hinten aufzuzäumen. „Wir fragen auch die Motive für die jeweilige Wahlentscheidung ab. Sie sind doch zum Beispiel ­sicher mit den letzten Ereignissen rund um die Themen Buwog und Hypo vertraut. Inwieweit fließen diese in Ihre Parteipräferenz ein?“
Der Krahulec fühlte ein leichtes Ungehaltensein in ihm emporschleichen. „Hören S’, des mit der Buwog, des find i für net in Ordnung, was de da jetzt aufführen. Weil der Haider kann si nimmer wehren. Und hätten Sie net de Marie von dem Saddafi gnommen? Selig san die, die geben – und deppert die, die net nehmen. Also, was wollen S’ vo mir?“

Désirée Vielhauer wollte eigentlich nur ein Stricherl für ihre Liste, die sie in der nächsten Stunde vollbringen musste, um anschließend noch genügend Zeit zu haben, sich für die Fête blanche in der Passage mörderisch aufzubrezeln und dann einen von ihr aus auch schon einmal geschiedenen Zahnarzt kennen zu lernen.

„Also heißt das jetzt SPÖ, ÖVP oder …“ Kevin fiel ihr ins Wort. „Und an der Hypo san nur diese Spekulanten schuld. Wissen S’ eh, de von der … ding, der Küste da. Der in Liechtenstein. Da hat der Grasser sicher no versucht zu retten, was zu retten war. Aber was kann der dafür, wenn die Griechen nix hackeln und nur unser Geld beim Fenster außehaun? Wenn ma net in der depperten EU waraten, dann war des alles net passiert mit dera Hypo.“

Fräulein Vielhauer fühlte, wie ihr Traum von der eigenen Boutique, die ihr der zukünftige Zahnarzt-Gatte einrichten würde, hinter den Horizont rutschte. Mit wachsender Verzweiflung sah sie in ihren Fragenkatalog. „Wie stehen Sie zu dem Vorschlag des niederösterreichischen Landeshauptmannes Erwin Pröll, alle Bundeslehrer in den Landesdienst zu übernehmen?“, hauchte sie hilflos.

„Bundeslehrer? Hören S’ ma auf mit dem Bledsinn. I war a nur in der Haupt. Und hat’s mir gschadet? Heut wollen alle nur Bundes-, Bundes-. Wer macht denn dann die ganze Hacken, wenn’s nur mehr Gstudierte gibt, ha? An die klanen Leut denkt da wieder kana. Wir dürfen nur den Euro retten und so. Aber i sag Ihna was: I brauch kan Euro net.“

Désirée sah eine kleine Chance, hier noch einmal einzuhaken und das Gespräch zu einem glücklichen Ende zu bringen: „Also lautet die Antwort, ob Sie sich von der Wirtschaftskrise auch schon persönlich betroffen fühlen, ‚Ja‘? Und stört Sie auch, dass die Regierung angeblich wegen dieser Krise beschlossen hat, das Budget heuer erst viel später vorzulegen, als es die Verfassung eigentlich vorschreibt – wobei Kritiker meinen, dass es dabei in Wirklichkeit um die Landtagswahlen in Wien und in der Steiermark geht?“
Krahulec’ Gesicht glühte vor Zorn. Er schrie: „Was? In Wien is a Wahl? Und warum sagt ma des wieder kana?“

Das Nächste, was Désirée Vielhauer nach einer kleinen Pause von ein, zwei Minuten sagte, war: „Guten Tag, mein Name ist Désirée Vielhauer vom Meinungsforschungsinstitut ‚Iman‘. Es geht um die Sonntagsfrage. Würden Sie mir die freundlicherweise beantworten, Frau Burghauser?“

rainer.nikowitz@profil.at