<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Street Fighting Man

<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Street Fighting Man

Nach dem herausragenden PR-Erfolg bei der Demo gegen den WKR-Ball: ein antifaschistischer Frontkämpfer im Exklusivinterview.

profil: Vielen Dank, dass Sie sich zu diesem Gespräch bereit erklärt haben. Sie haben mir vorher gesagt, dass Sie den Decknamen „Geschwister Scholl“ verwenden wollen. Sie sind aber allein.
Geschwister Scholl: Wie jedermensch weiß, entspricht die binäre Geschlechteridee nicht der Realität. Ich will ¬damit ein Zeichen gegen die oppressive biologistische Genitalnormativität setzen.

profil: Ich verstehe. Und Sie bewundern ja sicherlich auch beide der Geschwister Scholl für ihren ungeheuren Mut.
Geschwister Scholl: Die waren schon ganz cool mit ihren Flugblättern und allem. Aber eines muss ich schon ¬sagen: Ich würde mich nie mit Flugblättern allein zufriedengeben. Dazu bin ich einfach viel zu total kritisch und voll unangepasst.

profil: Also hätte sich Ihr Widerstand gegen die Nazis auf einer anderen Ebene bewegt?
Geschwister Scholl: Mit Sicherheit! Ich meine, Schaufenster wird es ja wohl auch damals schon gegeben haben, oder? Aber leider muss ich mich da wohl oder übel mit der Ungnade der späten Geburt abfinden.

profil: Das ist ein gutes Stichwort: Warum sucht sich der erlebnisorientierte antifaschistische Straßenkämpfer des Jahres 2014 so gerne Schaufenster als Gegner aus?
Geschwister Scholl: Das liegt doch auf der Hand: Schaufenster sind ein wichtiger Teil des kapitalistischen Ausbeutersystems und daher schon per se ¬faschistoid.

profil: Und ich hatte bisher gedacht, es muss ja keiner reinschauen, wenn er nicht will.
Geschwister Scholl: Ihre Unbedarftheit ist ja fast schon rührend. Die Menschen werden von den Konzernen mit schlecht bezahlter Arbeit ausgebeutet und dann durch permanente Gehirnwäsche dazu gebracht, ihr Geld für sinnlosen Konsum auszugeben, an dem wieder nur die Konzerne verdienen. Also, wenn das nicht Faschismus ist! Aber ich werde mich nie in dieses Hamsterrad zwängen lassen. Dazu bin ich viel zu total kritisch und voll unangepasst.

profil: Und wenn Ihre Doc Martens einmal im Kampf gegen ein Schaufenster unterliegen sollten?
Geschwister Scholl: Bei wirklich wichtigen Dingen, die auch meine absolute Individualität herausstreichen, muss man Abstriche machen. In diesem Fall würde ich mir natürlich neue kaufen. Aber ich würde mir das Geld dafür auf die harte Tour besorgen. Da muss man dann eben durch, auch wenn’s weh tut.

profil: Wie geht die harte Tour?
Geschwister Scholl: Ich frag Mami.

profil: Ist Ihnen eigentlich schon einmal der Gedanke gekommen, dass sich die Herrschaften mit den zerschnitzten Gesichtern in der Hofburg wahnsinnig gefreut haben könnten über die Randale bei der Demo gegen den WKR-Ball? Und dass Ihr Schaufenster-Antifaschismus möglicherweise ausschließlich der FPÖ nützt?
Geschwister Scholl: Das ist höchstens das Wunschdenken der durch und durch rechten Presse in Österreich.

profil: Oder können Sie sich vielleicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die entschieden gegen deutschnationale Kapperlständer sind – aber Ihre Aktionen dennoch für saudeppert halten?
Geschwister Scholl: Ich kann mich wirklich nicht um jeden Kleinbürgermist kümmern. Mein Leben als unbeugsamer Widerstandskämpfer ist auch schon so hart genug. Ständig am Abgrund entlangbalancieren, niemals zu wissen, was der nächste Tag bringen wird. Können Sie sich vorstellen, was das bedeutet?

profil: Nein, das kann ich wohl nicht. Haben Sie deshalb sogar jetzt Ihr Gesicht vermummt? Weil es für Sie gefährlich ist, wenn Sie sich außerhalb des Untergrunds bewegen?
Geschwister Scholl: Ja. Man muss ständig auf der Hut sein. Man weiß nie, von wem man erkannt werden könnte.

profil: Von der Polizei? Oder von Neonazis?
Geschwister Scholl: Wenn ich Pech habe, erkennt mich mein Lektor von der Politikwissenschaft. Dem bin ich noch eine Proseminararbeit schuldig. Wenn ihm das wieder einfällt, könnte mich das mittelfristig die Netzkarte kosten.

profil: Verdammt. Das wäre wirklich fatal.
Geschwister Scholl: Es war mir von Anfang an klar, dass das Leben an der Front kein Honiglecken sein wird. Aber beschwere ich mich? Ich meine, außer vielleicht manchmal auf Facebook? Nein!

profil: Wenn dieser Ball nächstes Jahr nicht mehr in der Hofburg stattfindet – haben Sie dann Ihr Ziel erreicht?
Geschwister Scholl: Nein.

profil: Also erst, wenn er gar nicht mehr stattfindet.
Geschwister Scholl: Auch dann nicht.

profil: Weil diese Leute ja auch ohne ihn immer noch Rechtsextreme sein werden?
Geschwister Scholl: Nein, nicht deshalb.

profil: Sondern?
Geschwister Scholl: Sehen Sie sich doch um! Überall Schaufenster!

rainer.nikowitz@profil.at