<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Vergällt’s Gott?

Papst Benedikt XVI. findet klare Worte zu den Missbrauchsskandalen in der katholischen Kirche – wenn schon nicht in seinem Hirtenbrief, so doch wenigstens in diesem nie geführten Interview.

profil: Eure Heiligkeit, ich bin sehr froh, dass Sie zu diesem Interview bereit waren.
Benedikt XVI.: Aber gerne doch, mein Sohn, gerne doch. Es ist mir immer wieder eine Freude, über die eminente Bedeutung zu sprechen, die die Unbefleckte Empfängnis der Mutter Maria gerade in unserer Zeit hat, in der doch so viel Augenmerk gelegt wird auf die schnöde Lust des Fleisches und die …

profil: Äh … Bei allem Respekt – ich möchte eigentlich weniger über die Keuschheit der Gottesmutter sprechen.
Benedikt XVI.: Aber ich.

profil: Finden Sie nicht auch, dass die offenbar mangelnde Keuschheit vieler Priester im Moment eher das Thema wäre?
Benedikt XVI.: Das ist natürlich eine tragische Geschichte. Da sind scheinbar viele von uns vom rechten Weg abgekommen.

profil: Das kann man wohl sagen.
Benedikt XVI.: Aber mit einer Beichte und einer ordentlichen Buße inklusive einer mittelschweren Flagellation ist das ja wieder in Ordnung. Ich meine, schließlich hat jeder von uns schon einmal etwas erzählt, das er besser für sich behalten hätte.

profil: Oh, Sie meinen ja die Opfer!
Benedikt XVI.: Opfer, Opfer, mein Gott. Das ist so ein hässliches Wort.

profil: Die hätten also am besten nichts sagen sollen, und alles wäre paletti?
Benedikt XVI.: Mein Sohn, wir reden in der Kirche seit 2000 Jahren nicht über Sex. Was mich betrifft, kann es ruhig die nächsten 2000 Jahre auch so bleiben.

profil: Das stimmt doch aber gar nicht. Ob es jetzt um außerehelichen Geschlechtsverkehr oder Kondome zum Schutz vor Aids geht – die Kirche redet dauernd über Sex.
Benedikt XVI.: Aber nur darüber, was alles nicht sein darf. Das ist schon ein Riesenunterschied, gell? Und wir achten außerdem sehr darauf, keine schmutzigen Worte dabei zu verwenden.

profil: Wie kann ich mir das vorstellen?
Benedikt XVI.: Nun, wir haben da im Vatikan so eine Regel: Wer zum Beispiel „Penis“ sagt, zahlt einen Zehner in die Messweinkassa.

profil: Na servas.
Benedikt XVI.: Gell? Und dabei wissen Sie ja noch gar nicht, was auf ein Mal „Vagina“ steht!

profil: Kommen wir doch lieber zurück zu den Missbrauchsfällen. Zu den Tätern fällt Ihnen da gar nichts ein?
Benedikt XVI.: Doch! Die sollen sich gefälligst an der Nase nehmen und sich die Jungfrau Maria in all ihrer Reinheit und Unschuld vor Augen führen.

profil: Inwiefern? Sollen sie sich angesichts eines nackten Internatsschülers unter der Dusche denken: „Nein, doch nicht – ich zieh mir jetzt lieber meine Spitzensoutane an und warte auf den Heiligen Geist!“?
Benedikt XVI.: Mit dieser Formulierung werden Sie nicht in den Himmel kommen, das sag ich Ihnen schon. Da ist der Petrus voll heikel.

profil: Und was hält er von tatkräftigen Anleitungen beim Penis-Waschen?
Benedikt XVI.: So. Das kostet jetzt einen Zehner.

profil: Vielleicht wäre es ein Anfang, wenn die Kirche endlich nicht mehr so täte, als wäre der Sexualtrieb schon prinzipiell eine ernste Krankheit.
Benedikt XVI.: Das tun wir doch eh nicht! Er ist maximal wie ein juckender Ausschlag. Ärgerlich, aber nach 40, 50 „Gegrüßet seist du, Maria“ auch schon wieder weg.

profil: Und dann sollte es natürlich auch die Möglichkeit geben, ein natürliches Gefühl normal auszuleben.
Benedikt XVI.: Sie meinen, Priester sollen ganz normal … dürfen? So richtig, mit Frauen und allem?

profil: Von mir aus auch gerne mit Männern.
Benedikt XVI.: Ach, hätten Sie nur die Möglichkeit gehabt, diese Idee schon vor 700 Jahren zu äußern!

profil: Weil sich die Kirche dann ganz anders entwickelt hätte?
Benedikt XVI.: Weil es damals den spanischen Stiefel noch gab.

profil: Wie war das denn bei Ihnen? Sie wurden vor beinahe 60 Jahren zum Priester geweiht. Hatten Sie nie …, nun ja …
Benedikt XVI.: Ich weiß, was Sie meinen. Und obwohl es natürlich eine ungehörige Frage ist, will ich Ihnen zeigen, wie locker und unverkrampft ich damit umgehe. Also: Wann auch immer ich in mir das Aufkommen eines animalischen ­Instinkts gespürt habe, habe ich ihn ­sofort bekämpft. Mit einem Marathonlauf.

profil: Und das hat gewirkt?
Benedikt XVI.: Absolut. Und irgendwann hat meine Haushälterin dann eh gekündigt, weil ihr die ganze Rennerei zu anstrengend war.

profil: Allein in Österreich überlegen laut Umfragen eine Million Menschen, nach den jüngsten Skandalen aus der Kirche auszutreten. Was sagen Sie dazu?
Benedikt XVI.: Das wäre natürlich schon sehr traurig, furchtbar traurig. Aber wenn dann vielleicht ein kleines Erdbeben das Wiener Becken zuschüttet, soll keiner sagen, wir hätten ihn nicht gewarnt!

rainer.nikowitz@profil.at