<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Wellenreiter

<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Wellenreiter

Das Wahljahr 2013.

Der Innenministerin war die betörende Wirkung, die ihre schlanken Fesseln auf weite Teile des Wahlvolks ausübten, durchaus bewusst. Darum sagte ihr, als die Krise ausbrach und sofort entschlossen gehandelt werden musste, ihr politischer Instinkt, dessen Qualität mit dem Wort „untrüglich“ geradezu lächerlich unzureichend beschrieben war, sofort eines: „Gummistiefel gehen gar nicht.“ Die standen Erwin Pröll viel besser.
Nachdem Johanna Mikl-Leitner aber gute Chancen nachgesagt wurden, dereinst in Niederösterreich das absolute Erbe des Landesvaters drastisch relativieren zu dürfen, brauchte sie schon allein deshalb rasch eine gangbare Alternative – und entschied sich für eine fliegbare.

Denn sie erinnerte sich, wie schon in vielen entscheidenden Momenten ihrer glanzvollen Karriere, auch in dieser brenzligen Situation an ihr in jeder Hinsicht großes Vorbild George W. Bush, der einst die Auswirkungen des Hurrikans Katrina sorgenvoll von oben beäugt hatte. Also zog sich die Innenministerin statt der unförmigen Latexklumpen gleich einen ganzen Hubschrauber an und stellte hoch über dem Hochwasser und vor einem glücklicherweise zufällig anwesenden Fotografen des Innenministeriums klar, dass sich die heimischen Fließgewässer gar nicht erst einzubilden brauchten, mit ihrer ausufernden Art nicht auf den geharnischten Widerstand einer Johanna Mikl-Leitner zu stoßen. Schließlich war Widerstand gegen Ausuferungen jeder Art immer schon ein zentraler Punkt ihres Wirkens gewesen.

Aber es wäre nicht die Johanna gewesen, also eine Frau, die von der in ihrem Fall verschwenderischen Natur nicht nur mit Fesseln, sondern auch mit Sensibilität überreich gesegnet worden war, wenn sich nicht zu all dieser ungeheuren Entschlossenheit auch ein gerüttelt Maß an Betroffenheit gesellt hätte. Also hauchte Mikl-Leitner nach der Landung, nach ihren Eindrücken befragt: „Es fehlen einem die Worte.“ Und auch hier zeigte sich ihre traumwandlerisch sichere Beherrschung des politischen Handwerks: Schließlich hat eine sicherlich satte Mehrheit der Österreicher ihre Innenministerin dann am liebsten, wenn ihr die Worte fehlen.

Solcherart schon einmal entscheidend geschwächt, war das Hochwasser ausgesprochen anfällig für weitere Frontalattacken. Das spürte natürlich zuvorderst einmal Niki Berlakovich, jener Mann, den es ja wie die Biene zur Blüte stets dorthin zieht, wo man gerade am dringendsten auf ihn wartet. Also machte der Mann, der laut Insidern angeblich auch Umweltminister sein soll, schon am vergangenen Sonntag Oberösterreich die Aufwartung und überprüfte dort höchstpersönlich die Wirksamkeit diverser Dammbauten und Hochwasserschutzanlagen. Obwohl im Prinzip damit sehr zufrieden, hätte er beinahe anschließend gesagt: „Also, ich persönlich bin ja überzeugt davon, dass Neonicotinoide noch viel besser gegen Hochwässer wirken.“ Dass er es schlussendlich nicht tat, sollte allerdings für die Nationalratswahl nicht unbedingt von Nachteil sein.

Dann ging es überhaupt Schlag auf Schlag – und das Wasser wurde endlich zur Chefsache erklärt. Am Montag fanden sich, aufgeschreckt von so viel Betriebsamkeit auf schwarzer Seite, der Bundeskanzler, sein Staatssekretär für eh alles und der zackige Verteidigungsminister in Ebensee ein, um dortselbst der Traun und ihrem unbotmäßigen See die Leviten zu lesen. Werner Faymann natürlich in seiner im Moment wichtigsten Funktion als Führender in den Meinungsumfragen, Gerald Klug, um die anwesenden Soldaten von den Vorteilen eines Berufsheeres zu überzeugen, und Josef Ostermayer vermutlich, um eventuell gefährlich aufgeweichte Dämme mit einigen mitgebrachten „Kronen Zeitungen“ zu stabilisieren.

Michael Spindelegger wiederum hatte dem Drängen des oberösterreichischen Landeshauptmanns Josef Pühringer nachgegeben, der wusste, dass seine Landsleute dringend eine Moralinjektion brauchten und hatte sich zu einem umjubelten Auftritt dorthin begeben. Und siehe da: An ihm sahen die Gummistiefel richtig schnittig aus. Dem Vernehmen nach kann man beim nächsten „Licht ins Dunkel“ ein „Meet & Greet“ mit ihnen ersteigern. Und mit dem Reinerlös wird das Entlastungsgerinne in Wien wieder zugeschüttet.

Das konnte der Kanzler der Herzen natürlich wiederum nicht auf sich sitzen lassen und schlug tags darauf mit einem Guerillaangriff in Mautern mitten im schwarzen Kernland zurück. Wäre Erwin Pröll nicht zur selben Zeit mit dem Vizekanzler in Wallsee gewesen, hätte es durchaus zu unschönen Szenen kommen können. Der Verteidigungsminister, der den Werner auch in Mautern begleitete, verfiel beim Blick über den mobilen Hochwasserschutz übrigens in fieberhaftes Nachdenken, wo man denn noch mehr helfende Hände herbekommen könnte. Kurz darauf verkündete er, dass er unsere tapferen Jungs vom Golan nach Hause holen würde.
Und auch das hatte, ebenso wie der volle politische Körpereinsatz beim Hochwasser, mit so etwas Schnödem wie einem Wahlkampf natürlich rein gar nichts zu tun.

rainer.nikowitz@profil.at