© Udo Titz

Meinung
11/14/2020

Rainer Nikowitz: You're fired!

Nach mehr als zwei Monaten zähen Kampfs spürte Donald an diesem Tag im Jänner genau, dass er nur noch einen Schritt vom Sieg entfernt war.

von Rainer Nikowitz

Sogar seine Träume waren düster in letzter Zeit. Heute Nacht hatte er zwar wie so oft das mit 18 Karat vergoldete Golfwägelchen aus der Garage holen lassen, um standesgemäß vorfahren zu können, wenn er sich anschickte, irgendeinen anderen großen Staatsmann der Welt am Green zu demütigten (Merkel nicht; die fuhr). Aber heute war es danach nicht ganz erwartungsgemäß gelaufen. Der kleine fette Koreaner war nämlich einfach aus seinem Panzer gerollt, hatte gelangweilt durchgeschwungen, ein Hole-in-one geschlagen und dann dämlich grinsend gegrunzt: "Stop the count!"

Donald schlug die Augen auf. Es war noch früh. Höchstens zehn oder elf. Er war schweißgebadet. Sein Polster sah aus wie der Kopf des Turiner Grabtuchs in orange. Instinktiv tastete er nach seinem Handy, um schnell wieder in die Wirklichkeit zu kommen. Er öffnete also Twitter und tippte: "WE WILL WIN!"

Früher hätte er jetzt natürlich sofort Fox News eingeschaltet , um zu hören, was er hören wollte. Aber das war vorbei. Seit die sich auf die Seite der Kommunisten gestellt und nach der Wahl ganz früh erklärt hatten, dass Sleepy Joe Arizona gewinnen würde. Und damit dann auch noch recht behalten hatten. Also schaltete Donald stattdessen einen Bibelkanal ein. Diese Prediger ersparten einem immerhin den Rhetoriktrainer.

Wobei Wahl-was hieß hier eigentlich Wahl? Das war ein Putsch! Wenn man nur die legalen Stimmen zählte, dann hatte Donald mit 75 Millionen zu null gewonnen. Und bald, sehr bald würden das alle akzeptieren. Müssen.

Sicherlich würde gleich irgendein stocksteifer, nur von der permanenten Angst um seinen Job zusammengehaltener Beamtenheini an die Tür klopfen und ihn mit irgendeinem Briefing zur Weltlage zu Tode langweilen wollen. Und heute würde Donald sogar einmal so tun, als würde er die ganze halbe Minute hindurch aufmerksam zuhören-er hatte gleich nach Amtsantritt 30 Sekunden als scharfe Obergrenze für die Dauer jeglicher Briefings festgelegt-und ihn dann anweisen, China den Krieg zu erklären. Oder nein. Die würden vielleicht zurückschießen. Mexiko? Zu nah. Seine Mauer hatte er ja nicht gekriegt. Puerto Rico vielleicht! Oder war das dann ein Bürgerkrieg? Und sollte er jetzt besser davor oder danach aus der Nato austreten? Weltpolitik war schon manchmal kompliziert. Am besten, er fragte Wladimir. Der hatte immer die besten Ideen.

Ächzend wälzte sich Donald aus dem Bett und stand auf. Er fühlte sich elend. Das erinnerte ihn daran, dass heute auch der perfekte Tag dafür war, Obamacare endgültig abzuschaffen. Denn warum sollte es allen anderen anders gehen? Wo sie es doch klarerweise auch noch viel mehr verdient hatten als er? Somit würde also dieser Tag zu einem innen-wie außenpolitischen Triumph werden. Selbst in Donalds vor Superlativen strotzender Vita etwas Besonderes. Die Steuerpflicht für Millionäre könnte er auch noch aufheben. Und die Rassentrennung wieder einführen. Mal sehen, wie seine Laune nach dem Golf war.

Donald trat ans Fenster, atmete noch einmal tief durch und zog dann mit einem Ruck die Vorhänge zu Seite. In der Ferne konnte er eine Menschenmenge sehen. Sie dünkte ihm deutlich größer als jene von vor vier Jahren. Donald zog die Mundwinkel nach unten und riss dann ein Blatt von dem "Playboy"-Wandkalender ab, der neben dem lebensgroßen Poster hing, auf dem sein Kopf auf dem Körper eines kampfbereiten Rocky Balboa montiert war. Heute war Miss Süd-Alabama. Und heute war: der 20. Jänner. Inauguration Day. Und zwar, auch wenn das nicht zuletzt die da draußen anders sahen: seiner.

Donald griff zum Telefon und sagte: "Pentagon." Und dann: "Vergesst Puerto Rico. Neues Ziel: Washington! Keine Sorge, ich geh in den Bunker! Do you copy??"

Aber Wo hatte Melania bloß wieder den Koffer mit den Raketenabschusscodes hingeräumt? Das machte sie absichtlich, das war klar. Sie konnte ihm nicht weismachen, dass sie den tatsächlich immer wieder mit ihrem Schminkkoffer verwechselte. Sie war ja nicht dämlich. Hätte sie Donald sonst geheiratet? Und außerdem: Was machte sie überhaupt immer wieder in seinem Schlafzimmer? Nicht das, wofür sie an sich einmal vorgesehen gewesen wäre, so viel war klar. Jetzt, wo es egal war, konnte er sich ja endlich von der Träne scheiden lassen. Die Ehe war ja schließlich nur heilig, solange man noch um die Wiederwahl kämpfte. Jetzt würde er sich einfach eine 25-jährige Texanerin mit Schlauchbootlippen und mehr Silikon im Balkon als in sämtlichen Fugen der Glasfassade des Trump-Towers zusammen besorgen. Die Second Lady quasi. Passend zum Second Term. Der heute begann. Da duldete er aber garantiert keine Befehlsverweigerung.

Donald räusperte sich also und sagte dann mit fester Stimme: "123456789. Und los!"

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