<small><i>Robert Treichler</i></small>
Die Stimme Eurabiens

Anders Breivik soll nicht nur sprechen dürfen, wir sollten ihm auch zuhören.

Breivik soll schweigen. Es sei eine „unerträgliche Zumutung“, dass der norwegische Terrorist vor Gericht fünf Tage lang aussagen könne, sagt der deutsche Trauma-Therapeut Christian Lüdke in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“. Der Prozess verkomme zu einer „Verhöhnung der Opfer“. Lüdke hat nicht Unrecht. Es muss für Personen, die Breiviks Tat miterlebt haben, und für Angehörige der Toten schrecklich sein, dass der Attentäter nun auch noch Erklärungen abgeben darf und dabei die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit genießt. Er hat die Taten gestanden, mehr braucht man von ihm nicht zu hören. Ob er zum fraglichen Zeitpunkt unzurechnungsfähig war, sollen Experten klären – und dann weg mit ihm. Nein, Anders Behring Breivik soll sprechen. Er soll sein Motiv erklären, seine Weltsicht und wie sie zustande gekommen ist. Sein Video soll gezeigt, sein Kompendium an Texten auszugsweise vorgelesen werden. Die Öffentlichkeit soll sich ein Bild machen.

Und dieses sieht in Breiviks selbst gestaltetem Video zum Beispiel so aus: Eine Landkarte von Europa mit der EU-Flagge, einige der gelben Sterne sind durch Halbmond und Sichel ersetzt worden, daneben der Titel „Eurabian Union“. Die Botschaft, die Breivik in seinem 1500-Seiten-Manifest detailliert ausführt, lautet: Europa wird von Muslimen unterwandert, besetzt und kulturell zerstört – dank der Komplizenschaft einer multikulturell gesinnten Elite, die alles daransetzt, den Kontinent mit Arabien zu fusionieren.

Breivik sieht überall in Europa feindliche Minarette aus dem Boden schießen, Frauen unter Burkas verschwinden, Scharia-Gerichte die Justiz außer Kraft setzen; dazu eine eingeborene Bevölkerung, die sich ihrer Werte berauben lässt und vor der Gewalttätigkeit des Islam kapituliert. Man soll Breivik nicht nur reden lassen, sondern ihm zuhören, aufmerksam und lange, auch wenn das Abwenden und Ignorieren leichter fiele. Seine Persönlichkeit verleiht den seltsam vertrauten Warnungen den passenden Kontext: Paranoia, Hysterie, Irrsinn oder ganz einfach Quatsch.

Eine Reihe erfolgreicher europäischer Politiker vertritt ganz ähnliche Ansichten wie Breivik: Geert Wilders, Vorsitzender der niederländischen Partei für die Freiheit; Marine Le Pen, Vorsitzende des französischen Front National; Heinz-Christian Strache, FPÖ-Chef.

Ein Einwand lautet, Wilders, Le Pen, Strache & Co können nichts für Breiviks Attentate. Stimmt. Ein weiterer lautet, nur weil ein Massenmörder etwas sagt, muss es noch nicht falsch sein. Stimmt auch – es muss nicht.
Ist es aber.

Breivik bietet eine Chance, rassistischen Unsinn besser als solchen zu erkennen. So gut wie nichts von dem, was Breivik und die rechtspopulistischen Alarmisten behaupten und prophezeien, ist wahr oder tritt ein.

▶ Die exponentielle Zunahme der muslimischen Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten basiert auf einer Hochrechnung, die abnehmende Geburtenraten bei Muslimen und die Säkularisierung außer Acht lässt.
▶ Die Masseneinwanderung im Anschluss an die arabische Revolution, vor der unter anderem Le Pen im profil-Interview (Nr. 11/2011) warnte, blieb aus.
▶ Dass die Integrationsdebatte in 20 Jahren erledigt sei, weil „auf der Straße dann Türkisch gesprochen“ werde, glaubt nur Henryk M. Broder, der deutsche Meister der ­Islam-Panikattacken.
▶ Für islamischen Einfluss auf die heimische Gesetzgebung gibt es keinerlei Indiz.
▶ Radikale Positionen, die der gesamten muslimischen Bevölkerung untergeschoben werden, sind bei genauem Hinsehen Meinungen völlig irrelevanter Kleinstgruppierungen.
▶ Burkas, Zwangsehen, Ehrenmorde und dergleichen sind ähnlich rar, und nichts deutet auf einen Anstieg dieser Phänomene hin.
▶ Dass die Muslime die Gesamtbevölkerung intellektuell in den Abgrund reißen, wird Buchautor Thilo Sarrazin („Deutschland schafft sich ab“) auch anhand der nächsten zehn PISA-Studien nicht belegen können.
▶ Dass Scharia-Gerichte in Europa die staatliche Justiz ersetzen, hat sich Wilders bloß so ausgedacht.
▶ Die Verteilung von Koran-Ausgaben in deutschen Städten hatte kulturell in etwa die Sprengkraft der Veröffentlichung des ÖVP-Liederbuchs „Sing mit uns“.
▶ Und schließlich zur Islamisierung des christlich geprägten Alltags: Osterhase und Weihnachtsmann sind wohlauf.

Der Konsum von Breiviks Gesamtwerk kann kathartische Wirkung entfalten. Es wird Bürgern zusehends peinlich sein, denselben Nonsens zur Grundlage ihrer politischen Haltung zu machen. Eurabien ist ein Hirngespinst. Und: Nein, man muss kein Massenmörder sein, um es für real zu halten.

treichler.robert@profil.at