Robert Treichler: Der Hulapalu-Kulturkampf

Robert Treichler: Der Hulapalu-Kulturkampf

Bei aller berechtigten Kritik: Den Volks-Rock’n’Roller Andreas Gabalier zu ächten, ist illiberal.

Wenn Sie nicht wissen, was „Hulapalu“ ist, sind Sie in Ihrem bisherigen Dasein offensichtlich ohne das Kulturgut des Volks-Rock’n’Roll ausgekommen. Das könnten Sie gern beibehalten – wäre da nicht die wachsende politische Aufladung und das damit einhergehende gesellschaftliche Konfliktpotenzial der Hulapalus und ihres Stammesführers: Andreas Gabalier.

Der 34-jährige Sänger vereint in seiner Person den provokant zur Schau gestellten Starrsinn eines Simpels mit dem atemberaubenden Talent eines Massen-Entertainers. Er füllt mit seinen Shows dreimal in Folge das 75.000 Zuseher fassende Münchner Olympiastadion, hat bisher rund 4,7 Millionen Tonträger verkauft (übrigens allein 600.000 von der Single „Hulapalu“) und wird deshalb auch für alle möglichen Auszeichnungen nominiert.

Aber der Volks-Rock’n’Roller transportiert ein Image, das die Musikerin Anja Plaschg (Künstlername: Soap&Skin) als „reaktionäres, nationalistisches, chauvinistisches und sexistisches Lebenskonzept“ anprangert. Plaschg, wie Gabalier für die Amadeus Austrian Music Awards nominiert, sagte ihre Teilnahme an der Veranstaltung vergangene Woche aus Protest ab. Ähnlichen Wirbel gibt es seit einiger Zeit überall, wo Gabalier eine Ehrung zuteil werden soll.

Ist das gerechtfertigt? Und ist es zielführend?

Das ist nicht nur ein Hulapalu-Thema, dahinter verbergen sich zwei weitere bedeutsame Fragen: Müssen Kunst und Entertainment politischen Kriterien genügen? Und wie gelassen oder wie streng soll die Gesellschaft auf rückwärts gewandte Kulturphänomene reagieren?

Gabalier fiel einschlägig auf, als er 2014 beim Formel-1-Rennen zum Großen Preis von Österreich die Bundeshymne demonstrativ mit der Zeile „Heimat bist du großer Söhne“ sang, obwohl es amtlich seit 2012 „Heimat großer Töchter und Söhne“ lauten muss. Das veranlasste die ehemalige Frauenministerin Maria Rauch- Kallat, Gabalier in einem Streitgespräch eine ­„Gesetzesübertretung“ vorzuhalten.

Man spürt: Das mutet rasch kleinlich und spießig an. Musikgenres haben ihre eigenen Codes. Im Rap werden Gewalttaten verherrlicht und sexuelle Großtaten gefeiert, im Punk wird die Zerstörung zelebriert, im Black Metal der Teufel beschworen. Und im Volks-Rock’n’Roll? Hier sind Frauen „Zuckerpuppen“ mit Wimpernaufschlag, die man „zuwidruck’n“ muss. Dieses Weltbild entstammt der Tradition. Die weithin beliebte „Haberstroh Polka“ etwa, ein altes oberbayerisches Volkslied, liest sich so: „Madl, leg di nieda / auf an Büschl Habanstroh / Händ und Füaß in d’Höh / und in da Mittn ho ho ho!“

Naturgemäß begeistert dieses Genre Bevölkerungsschichten, die mit Gender Mainstreaming und Homoehe wenig anfangen können. Doch Gabalier singt keine Anti-Schwulen- Hymnen. Er greift die althergebrachte Buben- und-Madln- Folklore auf und bedient damit die rückwärtsgewandte Sehnsucht nach einer prämodernen, pseudo-dörflichen Welt mit eindeutig-simpel-fröhlichen Geschlechterbeziehungen, wie sie einmal hätten sein können und in Wahrheit außer in Sonntagnachmittag-Filmen nie waren. Dazu trägt der Botschafter aus der Neverland-Almhütt’n rot-weißes Karo, Lederhosen und einen zackigen Scheitel.

Das ist das „ideologische Drumherum“ der Gabalier’ schen Show, wie es in der ORF-Sendung „Am Schauplatz“ über den „Elvis der Alpen“ hieß. Harmlos in Text und Musik, unterschwellig renitent gegenüber dem gesellschaftlichen Fortschritt. Gabalier verkauft es als rebellisch-aufrechte Gesinnung, wenn er singt: „A Meinung hab’n, dahinter steh’n / Den Weg vom Anfang zu Ende gehen / Wenn’s sein muss ganz allan da oben steh’n.“ Seine Meinungsstärke äußert sich in Sätzen wie „Man hat es nicht leicht auf dieser Welt, wenn man als Manderl noch auf Weiberl steht.“

Ja, wenn man nicht der „Hulapalu“ grölenden Menge angehört, kann einem Gabalier mächtig auf den Wecker gehen, egal ob er gerade singt oder spricht.

Und doch: All das Beschriebene ist kein hinreichender Grund, um ihn mit Sanktionen zu belegen und von Preisen und Auszeichnungen auszuschließen. Diejenigen, die mit den gesellschaftlichen Neuerungen (noch) nicht mitkommen, müssen auch ihre Idole haben dürfen. Solange Gabalier keine hetzerischen, bösartigen Botschaften in die Menge ruft, ist sein gefühlt reaktionärer Singsang legitim. Übrigens unterstützt Gabalier die Organisation Hemayat, ein Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende. Und als er den Eindruck hatte, die FPÖ wolle die Aufregung um seine Skandälchen für sich nutzen, sagte er: „Davon möchte ich mich distanzieren.“

Gabalier oder seine Gedankenwelt zu verteidigen, ist wenig reizvoll. Das soll er selbst tun. Viel wichtiger ist es derzeit allerdings, den Pluralismus und die Toleranz zu retten. Diese umfassen progressive, scharfsinnige Provokationen ebenso wie gesellschaftspolitisch arg unterdurchschnittlichen Kitsch. Was bloß nervt, rechtfertigt keinen Kulturkampf.

Ausschließen soll man tatsächlich diskriminierende und hetzerische Werke und deren Interpreten, wobei in Kunst und Kultur größtmögliches Verständnis für milieubedingte Abweichungen nötig ist.

Anja Plaschg hat das gute Recht, sich von Andreas Gabalier fernzuhalten. Dennoch: Leichtfertig ideologische Schranken zu errichten, um Volks-Rock’n’Roll vor die Tür zu sperren, wäre eine unangenehme, in der Wirkung illiberale Maßnahme.

„Hulapalu“ heißt übrigens gar nichts.