<small><i>Rosemarie Schwaiger</i></small>
Alles Gute, Herr Lugner!

Der Ladenschluss am Sonntag muss fallen. Es geht den Staat nichts an, was seine Bürger am Wochenende tun.

Es gibt nicht viele Anliegen, auf die sich österreichische Gewerkschafter und katholische Priester, die Frauenministerin und der niederösterreichische Landeshauptmann, Wiener Greißler und sozial besorgte Grün-Wähler bedenkenlos einigen können. In der Regel hat man unterschiedliche Lebenswelten und deshalb auch unterschiedliche Wünsche.

Vollkommen einer Meinung sind die genannten Gruppen allerdings beim staatlich verordneten Ladenschluss am Sonntag. Am „Tag des Herrn“ (schon bemerkt? Diese Wortschöpfung fällt fast nur noch in Einkaufsdebatten) müssen österreichische Geschäfte zugesperrt bleiben. Schluss, aus, basta. In weiten Teilen der bewohnten Welt wird die Sache zwar anders gehandhabt, aber das macht nichts. Man muss den Konsumknechten im Ausland ja nicht alles nachmachen.

Richard Lugner hat nun beim Verfassungsgerichtshof eine Beschwerde gegen die Sonntagsruhe eingebracht. Sosehr der Mann seine Reputation mithilfe von Mausis und Bambis zerstört hat: In diesem Verfahren ist ihm alles Gute zu wünschen. Jede Liberalisierung der absurden Gesetzeslage würde Österreich ein großes Stück normaler machen. Vielleicht gelingt es den Verfassungsrichtern, mit dem Unsinn aufzuräumen, den die Bürger und ihre politischen Vormunde mehrheitlich für eine soziale Errungenschaft halten. Verrammelte Geschäfte am Sonntag sind eben nicht der Ausweis einer solidarischen Gesellschaft, die ihren gemeinsamen Ruhetag verteidigt. Sie sind bloß ein Indiz für die Bereitschaft der Österreicher, sich von der Obrigkeit gängeln zu lassen.

Ein Tag der Entschleunigung sei ja wohl nicht zu viel verlangt, sagen die Wochenendromantiker. Okay, soll sein. Aber warum stört es beim Entschleunigen nicht, wenn Gasthäuser, Schwimmbäder, Skischaukeln, Pizzadienste, Fitnesscenter, Theater, Kinos und Museen offen sind? Warum ist nur das Einkaufen ein Stimmungskiller? Wer hat das festgelegt? Und was geht es, ganz prinzipiell, den Gesetzgeber an, mit welcher Art von Zerstreuung die Bürger ihre Freizeit verplempern?

Mag schon sein, dass der Besuch einer Sonntagsmatinee samt anschließendem Familienpicknick erbaulicher ist als das Rumlungern an den Wühltischen eines Diskonters. Aber niemand käme auf die Idee, die TV-Kabelnetze und Satellitenschüsseln für einen Tag lahmzulegen, damit die Leute wieder mal etwas Vernünftiges lesen. Ein Staat funktioniert eben nicht nach den Regeln eines Jesuiteninternats.

Es kommt der Zusperrfraktion sehr entgegen, dass die Österreicher zum gewerblichen Handel ein traditionell verkorkstes Verhältnis pflegen. Wahrscheinlich ist das eine historische Erblast: 1910 gab es im Land weder ein allgemeines Wahlrecht noch taugliche Sozialgesetze – aber dafür die erste Sperrzeitenregelung für Geschäfte. Schon der alte Kaiser traute den Krämern offenbar nicht über den Weg.

Jahrzehntelang wurde bis aufs Blut darüber gestritten, ob die Läden am Samstagnachmittag offen halten dürfen. Es gab eigene Expertenkommissionen für die notwendige Dauer der Mittagsruhe, den besten Zeitpunkt der Abendsperre und das besonders delikate Problem mit dem 8. Dezember. Die Argumente gegen längere Öffnungszeiten waren in den siebziger Jahren dieselben, die heute gegen den Sonntag in Stellung gebracht werden: Es gebe keinerlei Notwendigkeit für noch mehr Konsum, und das Schicksal der Handelsangestellten werde mit jeder Erweiterung immer trister.

Beides ist blanker Unsinn. Vom Bedarf kann sich jeder überzeugen, der den – dank Ausnahmegenehmigung – am Sonntag geöffneten Supermarkt am Wiener Praterstern besucht. Bischöfen und Gewerkschaftern empfiehlt sich ein Selbstversuch. Nach ein paar gemütlichen Stunden in der Warteschleife vor der Wursttheke sieht die Welt gleich ganz anders aus. Der Einkauf am Praterstern ermöglicht auch eine Zeitreise ins Bukarest der achtziger Jahre: Exotisches wie Waschpulver wird am Sonntag nicht verkauft. Das Zentralkomitee der Ruhetagsbewahrer entschied, dass dergleichen am Wochenende nicht nötig sei.

Für die Rechte der Angestellten gibt es ein Arbeitszeitgesetz und Kollektivverträge – mit denen die Sonntagsdienste von Krankenpflegern, Journalisten und Busfahrern zufrieden stellend administriert werden. Dem Handel unterstellt die Politik dagegen, dass er an der fortwährenden Ausbeutung seiner Mitarbeiter nur durch Schließtage gehindert werden kann. Zusperren als Instrument der Arbeitnehmerförderung: Das ist immerhin originell.

Die in der heimischen Diskussionskultur zwingend notwendige absurde Überhöhung liefert in diesem Fall die Wirtschaftskammer. Deren Handelsfunktionäre, zuvorderst die Fraktion der Wiener Kleinkrämer, wollen nämlich ebenfalls nicht aufsperren dürfen. Ihre Begründung: Je seltener die Geschäfte offen haben, umso weniger machen ihnen die großen Ketten Konkurrenz. In einer idealen Welt wäre immer zu – dann könnten Ikea, Zara und Billa nicht so unanständig viel Zeug verkaufen.

Als letzte Hoffnung bleibt jetzt nur noch Richard Lugner. Weit haben wir es gebracht.

schwaiger.rosemarie@profil.at