Rosemarie Schwaiger: Rechtsanschauung

Rosemarie Schwaiger: Rechtsanschauung

Österreichs Bild im Ausland wird von der FPÖ dominiert. Zuletzt stand wieder das ganze Land am Pranger. Warum tut keiner etwas dagegen?

Haben uns jetzt alle wieder lieb? Oh ja, und wie! Zumindest die wichtigen Leute: „Ganz Europa fällt ein Stein vom Herzen“, erklärte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier, als das Endergebnis der Bundespräsidentenwahl endlich feststand. Der französische Premierminister Manuel Valls twitterte: „Erleichterung zu sehen, dass die Österreicher Populismus und Extremismus ablehnen.“ EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, bekanntlich total im Reinen mit seinem inneren Teenager, malte sogar ein Herzchen auf das Gratulationsschreiben an Alexander Van der Bellen.


Österreich wird im Ausland politisch nur wahrgenommen, wenn es um die FPÖ geht

Nur die Vertreter internationaler Medien, die in großer Zahl nach Wien gekommen waren, wirkten etwas weniger beseelt. Die meisten hatten wohl auf einen FPÖ-Triumph gehofft und fühlten sich nun um ihre Story betrogen. Geplant gewesen waren Gruselstücke über den rechten Vormarsch ausgerechnet in einem Land mit, wie schon im Vorfeld falsch, aber dafür häufig behauptet wurde, nichtaufgearbeiteter Nazi-Vergangenheit. Stattdessen galt es nun über einen freundlichen älteren Herrn von den Grünen zu berichten, der nichts Böses im Schilde führt. Wer die Gepflogenheiten in der Medienbranche kennt, kann sich vorstellen, dass einige Kollegen Schwierigkeiten haben werden, die Kosten ihrer Dienstreise nach Wien zu rechtfertigen. Vier Mal übernachten! War das nötig?

Österreich wird im Ausland politisch nur wahrgenommen, wenn es um die FPÖ geht. Das ist schon lange so, aber die Tradition macht es nicht besser. Wir haben die Angstlust im Umgang mit den Freiheitlichen sehr erfolgreich exportiert. Exakt 31.026 Stimmen sorgten dieses Mal für den Unterschied zwischen weitgehender Nichtbeachtung und drohender Degradierung zum Schmuddelkind. Der Einwohnerzahl einer Kleinstadt oblag also die Rettung der gesamtstaatlichen Reputation. Wirklich beruhigend ist das nicht. Dergleichen kann auch schiefgehen.


In den vergangenen Wochen stand die Republik in einer Weise am Pranger, die man guten Gewissens nicht für verdient halten kann

Alexander Van der Bellen wird aller Voraussicht nach ein perfekter Bundespräsident sein. Es gibt einen Haufen guter Gründe, sich darüber zu freuen, dass er es wider Erwarten doch noch in die Hofburg geschafft hat. Aus mindestens ebenso vielen Gründen wäre Norbert Hofer die schlechtere Wahl gewesen. Aber bei aller Zufriedenheit mit dem Ergebnis sollten sich die heimischen Eliten endlich mit der Frage beschäftigen, ob man Österreichs Ruf in der Welt in so hohem Maße der FPÖ und deren Wahlergebnissen überlassen darf.

In den vergangenen Wochen stand die Republik in einer Weise am Pranger, die man guten Gewissens nicht für verdient halten kann. „Österreich, was bist du nur für 1 Naziland?“, twitterten Deutschlands Junge Grüne am Wahlsonntag um 17.24 Uhr – wenige Minuten, bevor Alexander Van der Bellen in der Hochrechnung erstmals vorne lag. Schon nach dem ersten Wahlgang hatte die ZDF-Satiresendung „heute-show“ auf Facebook ein Schnitzel in Hakenkreuz-Form gepostet, dazu den Text: „Österreicher wählen eben so, wie sie es vom Schnitzel kennen: möglichst flach und schön braun.“ Die Humorabteilung der ARD legte nach und bastelte ein Hakenkreuz aus dem Wiener Riesenrad. Außerdem diagnostizierten die öffentlich-rechtlichen Stimmungskanonen ein „Sieg-Heil-Virus“ bei den Nachbarn. Die „New York Times“ war dagegen nicht zum Scherzen aufgelegt. Es könne passieren, dass man am Montag mit der Neuigkeit aufwache, dass „erstmals seit dem Sieg über das Nazi-Regime ein europäisches Land demokratisch ein Staatsoberhaupt gewählt hat, das ganz rechts ist“, schrieb eine Kolumnistin.


Wer sich in Österreich wofür auch immer rächen will, wählt mit geballter Faust im Hosensack die FPÖ

Widerspruch von glaubwürdiger österreichischer Seite, also von außerhalb der FPÖ, wurde nicht aktenkundig. Weder Bundespräsident Heinz Fischer noch irgendein anderer halbwegs wichtiger Repräsentant der Republik hielt es für angebracht, ein paar Dinge klarzustellen. Der neue Bundeskanzler hat es immerhin versucht: „Österreich ist nach wie vor ein Land, das 90.000 Flüchtlinge aufgenommen hat, wo jedoch keine Flüchtlingsheime brennen und Pegida oder die Identitären nur eine Randerscheinung sind“, erklärte Christian Kern – allerdings erst am Dienstag vergangener Woche, als der Spuk bereits vorbei war.

Hinzufügen könnte man noch, dass heimische Wut- und Frustbürger sich eben nicht bei Straßenschlachten austoben und dass es, anders als in vielen europäischen Ländern, keine marodierenden Neonazis gibt. Wer sich in Österreich wofür auch immer rächen will, wählt mit geballter Faust im Hosensack die FPÖ. Das mag im Hinblick auf die Problemlösungskapazität der Partei nicht besonders schlau sein. Aber es taugt jedenfalls nicht als Beleg für die ach so große Gefahr, die angeblich von diesem Land ausgeht.

Die politische Konkurrenz der Freiheitlichen verschweigt das lieber und nimmt den Wirbel im Ausland ohne Murren hin. Zur Mobilisierung der eigenen Anhänger taugt das Theater allemal – und um Imageschäden kann sich danach die Tourismuswerbung kümmern. Also wird es wohl so weitergehen. Spätestens vor der nächsten Nationalratswahl kann sich die Welt wieder vor Österreich fürchten. Vorausgesetzt, die FPÖ liegt gut in den Umfragen.