Rainer Nikowitz in einem dunklen Anzug mit Krawatte.
Was wäre denn die Alternative zum verfemten Schwarz-weiß? Genau: Grau. Das hat aber leider auch noch nie eine wirklich gute Presse gehabt.“

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Also ich weiß ja nicht wirklich, was alle haben. Und warum sie sich solche Sorgen machen. Dieses ganze Gerede, die philosophischen Abhandlungen darüber, dass uns das aktuell sehr hoch in Kurs stehende Schwarz-Weiß-Denken angeblich schaden soll. Uns auseinanderdividiert, die Demokratie gefährdet und was weiß ich noch alles. Soll sein, dass das manche Leute finden, ich lasse ja einem jeden seine Meinung, sofern mein persönlicher Berater in allen Lebenslagen, also mein Algorithmus, das für zulässig erklärt. Aber eine Frage muss in diesem Zusammenhang schon erlaubt sein: Haben sich die ganzen gescheiten Kritiker der klaren Kante überlegt, was die Alternative ist? Weil: Was kommt denn heraus, wenn man Schwarz und Weiß mischt? Genau: Grau. Und da haben wir auch schon das Problem!

Denn es wäre mir neu, dass Grau jemals eine gute Presse gehabt hätte. Und das natürlich völlig zu Recht! Grau ist langweilig, trist, alt. Es ist kein Zufall, dass man „graue Maus“ sagt, wenn man zum Ausdruck bringen will, dass jemand elendiglich uninteressant oder Admira Wacker ist – obwohl Mäuse in Wirklichkeit ja eher braun sind. Ein perfider Grauschleier in der Kochwäsche versetzt sogar den Weißen Riesen in einen milden Schockzustand, und ein Tag, der mit einem Morgengrauen beginnt, kann eigentlich auch schon wieder als gelaufen betrachtet werden. Vor allem in Wien, der Welthauptstadt der guten Laune, die, so sagt man, im Winter durchgehend grau ist. Und somit noch deprimierender als sonst.

Wenn etwas in grauer Vorzeit stattgefunden hat, dann ist es länger her, als TikTok sich erinnern kann. Also uuuuurlang. Und was auch immer es war: Man kann es getrost vergessen. Auch die Zahl jener Menschen, die mit dem Begriff „Grauer Star“ etwas Positives verbinden – also zum Beispiel jemanden wie George Clooney –, ist immer noch verschwindend gering. Graue Haare sorgen beim erstmaligen Auftauchen auf dem Haupt des Besitzers verlässlich für den sofortigen Eintritt der Midlife-Crisis und werden flächendeckend weggetönt. Graue Panther waren, trotz der Wahl eines schnittigen Wappentieres, immer schon höchstens in der Perzeption der sich selbst als solche Bezeichnenden cool, außerhalb dieser traurigen Bubble hingegen garantiert nie. Graue Eminenzen waren da einst vielleicht ein wenig angesehener, wiewohl immer ein bisschen Vito Corleone in der Bezeichnung mitschwang. Aber die gibt es ohnehin nicht mehr wirklich, die sind heute allesamt peinliche Boomer, die nichts Besseres zu tun haben, als einer aufgeweckten Teilzeitkraft aus der Generation XYZ den verdienten Platz an der Sonne zu verstellen. Zusammengefasst: Es ist kein Wunder, dass sich talentierte SchwarzWeiß-Maler vor Aufträgen kaum retten können, während sie beim AMS die Hände zusammenschlagen, wenn schon wieder ein vollkommen unvermittelbarer Graumaler großäugig am Schalter steht. Denn, sind wir uns ehrlich: Keine Sau will Grau.

Darum wäre es sogar noch wünschenswert, wenn die Schwarz-Weiß-Protagonisten noch klarer und schärfer werden. Denn alles andere ist ja bloß Verwässerung und verwirrt das Publikum. Nemo zum Beispiel hat sich das zu Herzen genommen und einen Schritt in die richtige Richtung getan. Denn da der internationale Regenbogen-Flohzirkus draufgekommen ist, dass Gaza am besten dadurch geholfen wird, wenn man Israel vom Song Contest ausschließt, gibt Nemo seine Siegertrophäe aus 2024 zurück, weil das eben nicht passiert. Das ist ein klares Statement. Mit der Schwarz-Weiß-Methode ist Nemo zu dem Schluss gekommen, dass Israel das Böse in Reinkultur ist. Klare Sache. Und auch eine persönliche Weiterentwicklung. Denn Nemo möchte ja als non-binär gelesen werden, hatte also im diesbezüglichen Graubereich durchaus noch ein paar Probleme mit der Entscheidungsfindung. Schön für ihn, dass er da jetzt fixer geworden ist.

Ein weiteres Argument gegen Grau: Wann immer sich Graubereiche in an sich verlässlich anders getünchte Bereiche einschleichen, wird es leider kompliziert. Nehmen wir den jüngsten Terroranschlag in Sydney. An sich eine klare, leicht einzuordnende Sache. Zwei Muslime erschießen am Bondi Beach Juden. Schwarz-Weiß in seiner reinsten Form, Muslims doing Muslim things, könnte man versucht sein zu meinen. Aber dann läuft ein anderer Muslim, der Zeuge des Geschehens wird, unbewaffnet auf einen der Schützen zu, springt ihm ungespitzt in den Rücken und entwindet ihm anschließend das Gewehr. Später wird er auch noch angeschossen.

Tja. Und schon wird es schwierig. Wenn der Mann wenigstens Hindu gewesen wäre. Oder Zeuge Jehovas. Aber nein, ausgerechnet ein Muslim musste Juden vor einem anderen Muslim retten – und sorgt solcherart für einen Graubereich, der die ganze Geschichte unnötig verkompliziert. Denn da weiß man jetzt ja gar nicht recht, wie man tun soll.

In diesem Fall hat es sich leider nicht vermeiden lassen, aber generell muss man wirklich darauf achten, dass man nicht mehr Verwirrung in Diskurse reinbringt als unbedingt nötig – und folglich keine Graubereiche zulässt. Am besten machen wir also genau so weiter, wie wir gerade tun. Dann wird sicher alles gut.

Rainer   Nikowitz

Rainer Nikowitz