Schwindlige Alte
Mimi will morgens joggen gehen, möchte sich im Stehen anziehen, bleibt in einem Hosenbein hängen und stürzt. Sie landet mit Brüchen im Krankenhaus.
Also, sagt der Stationsarzt, nachdem sie ihm erzählt hat, wie sie gestürzt ist, Sie waren schwindlig? Nein, sagt Mimi, ich hab mich in einem Hosenbein verheddert.
Weil Sie schwindlig waren? Nein, ich war nicht schwindlig, ich bin einfach hängen geblieben, und es hat mir die Füße weggerissen. Der Arzt notiert etwas. Einige Zeit später kommt eine Pflegerin. Sie bringt eine Infusion gegen die Schmerzen. Und gegen Ihren Schwindel, sagt sie – Mimi unterbricht: Ich bin nicht schwindlig. Sie wollen nichts gegen den Schwindel? Nein! Und so weiter. Mimi weiß nicht mehr, wie oft sie auf ihren angeblichen Schwindel angesprochen wurde, den sie jedes Mal verneint hat. Irgendwann war Schluss damit.
Als Mimi viele Tage später aus dem Spital entlassen wird, bekommt sie einen Abschlussbericht mit. In dem steht etwas von „multiplen Stürzen“. Tatsächlich ist sie im Lauf der letzten 20 Jahre dreimal ernstlich gestürzt, wie man ihrer Krankenversicherungsakte entnehmen kann. Bei keinem Sturz war sie schwindlig. Das erste Mal ist beim Heckenschneiden die Leiter unter ihr weggekippt, beim zweiten Mal der Riemen ihres Sommerschuhs gerissen, und sie ist auf Plateausohlen umgeknöchelt, und beim dritten Mal hat sie auf einer dunklen Uferpromenade eine Stufe erwartet, wo keine war. Zwischen jedem der Stürze liegen Jahre. Aber im Entlassungsbericht: multiple Stürze, so, als falle sie andauernd hin. Das erscheint Mimi nun doch etwas übertrieben. Noch mehr jedoch irritiert sie ein kleiner Halbsatz im langen Text: „… psychologische Beobachtung empfohlen“.
Hä? Was an Mimis Stürzen deutet auf einen Psychohintergrund hin? Seltsame Empfehlung, oder? Na ja, wir haben bis jetzt einen Umstand unterschlagen: Mimi ist 80. In diesem Alter kommt es schon öfter vor, dass man schwindlig ist. Dass man hinfällt und sich nachher nicht erinnert, wie es passiert ist. Dass man sich die Ursachen schönredet. Der Schuh war schuld und nicht: Ich war verwirrt. Deshalb hat sie der Arzt so skeptisch angesehen, als sie ihm den Unfallhergang schilderte. Deshalb das Beharren auf dem Schwindel, den sie ebenso beharrlich dementiert hat. Man hat ihr nicht geglaubt. Sie gehört mittlerweile einer Kategorie Mensch an, deren Geburtsjahrgang für verminderte Glaubwürdigkeit steht.
Mimi ruft eine befreundete Medizinerin an, sie teilt Mimis Verdacht: Das hätten die nicht geschrieben, wenn du 40 wärst.
Und jetzt? Nichts. Am besten stillhalten. So tun, als wäre nichts. Sonst ist Mimi nicht nur eine schwindlige, sondern auch eine paranoide Alte. Eine Querulantin, deren Verhalten bestätigt, was man eh schon vermutet: dass ihr greises Hirn nicht mehr ganz richtig tickt. Vielleicht geht das ja auch schon länger so, und ihr ist nur nicht aufgefallen, dass man sie nicht mehr ernst nimmt. Vor allem aber: Wie wird es weitergehen? Man wird ihr nicht gleich das Bankkonto sperren und die Geschäftsfähigkeit absprechen, aber vermutlich sollte sie sich hüten, in einen Rechtsstreit zu geraten oder ihre Haustür ins Schloss fallen zu lassen und den Schlüssel drinnen zu vergessen oder den PIN ihrer Kreditkarte nicht parat zu haben, und wenn ihr in der Parkgarage ein anderer den Seitenspiegel demoliert, dann wird sie schuld sein, auch wenn ihr Auto stillgestanden und der andere gefahren ist, weil: Alte am Steuer.
Jedes noch so harmlose Missgeschick birgt die Gefahr einer Enttarnung als kognitiv reduzierte Person. Überhaupt jetzt, da aktenkundig ist, dass man sie beobachten sollte.
Mimi schämt sich. Wie oft hat sie einen unliebsamen Zeitgenossen nicht schon als alten Deppen charakterisiert, Betonung auf alt. Nun weiß sie, dass Diskriminieren nicht davor schützt, selber diskriminiert zu werden. Alles sehr unbehaglich. Ja, richtig, Mimi hätte sich den Ärger erspart, wenn sie vor 20 Jahren den Löffel abgegeben hätte, statt zur Überalterung unserer Gesellschaft beizutragen. Wollte sie aber nicht. Egoistische Alte halt.