<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Wo man überall sparen könnte

sparen - <small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Wo man überall sparen könnte

Das Bundesheer schaffte man am besten ab. Die Polizei muss die Burggasse nicht zu sechst vor Rasern schützen. Griechenland bleibt ein Fass ohne Boden.

Statt eines Heeres halten wir uns also weiterhin um 2,1 Milliarden Euro eine Katastrophenhilfstruppe – denn zu einem ernsthaften militärischen Einsatz war unser Bundesheer nie geeignet und von SPÖ wie ÖVP auch nie gedacht.

Jetzt hätte theoretisch die Möglichkeit bestanden, mit einer kleinen, aber feinen Berufstruppe unseren solidarischen Beitrag zu internationalen Einsätzen zu leisten, aber dafür wollen wir das Geld nicht ausgeben, und so wird die Volksbefragung wohl mit der Beibehaltung eines 55.000-Mann-Wehrpflicht-Heeres enden, das weiterhin vielleicht 1500 Mann an den Golan oder in den Tschad entsendet.

Darüber hinaus ist es militärisch völlig sinnlos.

Die einzig vernünftige Maßnahme bestünde darin, es abzuschaffen. Um die 10,5 Milliarden, die es in fünf Jahren kostet, kann man jedem Österreicher, der sein Haus in Überschwemmungsgebieten oder unter murengefährdeten Überhängen errichtet hat, ein Häuschen schenken. Danach wäre das „Sparpaket“ jährlich um 2,1 Milliarden effizienter.

Die Polizei, die man zur Verbrechensbekämpfung so gut wie nie in Rufweite vorfindet, wird derzeit in Wien massiert gegen Autofahrer eingesetzt. Als überzeugter Fußgänger durfte ich vorige Woche neben dem Museumsquartier Folgendes beobachten: Sechs – sechs! – Polizisten lauern gemeinsam auf potenzielle Verkehrssünder, die dort, von ­einer Ampel geregelt, aus der Breite Gasse und der Burggasse kommen. Aus der Breite Gasse sind es vielleicht drei Autos in fünf Minuten, und die Burggasse hat zurzeit wegen einer Großbaustelle eine einzige Fahrspur. Nicht einmal wenn jemand das wollte, könnte er hier etwas falsch machen oder rasen.

Auf meine Frage, warum so viele Beamte diese so harmlose Zone überwachen, meinte der offenbar Wichtigste der Polizeistreitmacht, er folge seinen Einsatzvorschriften. Als ich erwiderte, dass ich als Bürger und Journalist doch gern deren Sinn wüsste, erklärte er mir Folgendes: Es könnte sein, dass ein ertappter Verkehrssünder zum Aussteigen veranlasst werden müsse. Um den müsse sich mindestens ein Beamter kümmern. Wenn sie also nicht mehrere wären, könnten gleichzeitig eintreffende weitere Verkehrssünder ungestraft entwischen.

Offenbar um zu demonstrieren, was sie doch alles für ihr Geld täten, hielten die sechs gleich darauf eine ältere Dame an und überprüften im Angesicht der Schreckensbleichen selbst ihren Kofferraum. Ich dankte Gott, dass ich nur mehr in Ausnahmefällen Auto fahre, denn ich wäre an ihrer Stelle womöglich amtsehrenbeleidigend ausgerastet. So wittere ich bloß Einsparungspotenzial.

Griechenland, das uns vorsorgliches Sparen nahelegt, wird auch innerhalb eines verlängerten Zeitraums nicht zu sanieren sein. Nicht weil „die Griechen faul sind“, sondern weil das politische und rechtliche System des Landes zu ­desolat ist. Alle Beteiligten wissen das, aber zwei wirtschaftswissenschaftliche Thesen stehen einander unversöhnlich ­gegenüber:

Die eine, die behauptet, dass das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone das eminente Risiko eines Dominoeffekts birgt, weil dann unweigerlich die nächstschwächste Volkswirtschaft den Angriffen spekulativen Kapitals ausgesetzt sein wird – und so fort bis zur Nord-Eurozone.

Und die andere – der ich anhänge –, die annimmt, dass eine Eurozone, der Griechenland nicht mehr als Klotz am Bein hängt, wirtschaftlich stärker wäre, weil sie mit größerer Zustimmung durch ihre Bürger mehr Geld und Energie in die durchaus erfolgversprechende Sanierung Portugals, Italiens und Spaniens investieren kann.

Zumindest gilt diese Logik für jeden Konzern, der neben mehreren sehr guten auch einige schwächelnde Tochterunternehmen hat: Von einem dieser Betriebe, der auf absehbare Zeit nicht zu sanieren ist, wird er sich trennen, damit er die anderen, die nur augenblicklich Probleme haben, umso erfolgreicher sanieren kann. (So und so oft erholt sich das abgestoßene Tochterunternehmen gleichzeitig auf der Basis eines völlig anderen Konzepts ebenfalls.)

Eine fähige und faire Ratingagentur bewertete die Bonität eines solcherart um eine desolate Sparte geschrumpften Konzerns jedenfalls höher, als wenn er diese Sparte weiter mitschleppte.

Die aktuellen Ratingagenturen – das muss ich zugeben – sind aber weder fähig noch fair: Sie werden die Eurozone herunterstufen, was immer mit Griechenland geschieht.

Unter diesen Voraussetzungen kann man gleich das wirtschaftlich Richtige tun.

Entscheidend wären die begleitenden Reden und Medienkommentare: Wenn Merkel & Hollande das Ausscheiden Griechenlands offensiv als „Stärkung“ verkaufen und gleichzeitig eine totale Garantie für Italien, Spanien und Portugal abgeben – und wenn die Medien das ausnahmsweise feiern statt zerpflücken –, werden die Ratingagenturen zumindest überdenken, ob sie Unsinn verzapfen sollen, und die „Märkte“ könnten der wirtschaftlichen Vernunft folgen.

peter.lingens@profil.at