Fußball-Weltmeisterschaften sind Zeiten patriotischer Gefühle. Die Mannschaften und das gemeinsame Mitfiebern zeigen, wie Wettbewerb und Wertschätzung zusammenpassen.

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Beginnen wir mit einem Vergleich. Stellen wir uns die österreichische Nationalmannschaft vor, wie sie vor dem Anpfiff die großen Töchter und Söhne besingt. Denken wir uns das Frauenteam daneben, auch wenn gerade keine Frauen-WM stattfindet. Gegenüber das Bild der Abgeordneten im Nationalrat während der Budgetrede des Finanzministers. Wo sehen wir mehr Vielfalt? Wo mehr verschiedene Lebensgeschichten, die etwas zu erzählen haben über Ambition, Scheitern und Gewinnen? Wo mehr bunte Vögel und Typen, die jungen Menschen als Vorbilder dienen können? Mit welchem Team können sie sich mehr identifizieren, weil sie sich wiederfinden? Aber bleiben wir nicht beim Offensichtlichen der Repräsentationslücke stehen.

Hören wir den Spielern und Trainern zu. Respekt vor dem Gegner. Lob für Mitspieler. Selbstkritik nach Fehlern und Niederlagen. Teamgeist, ein gemeinsamer Spielplan, ausgelassenes Feiern – aber erst, nachdem den Unterlegenen Respekt erwiesen und Trost gespendet wurde. Man kennt einander. Man begegnet sich wieder: in den Ligen, in der Champions League, bei künftigen Turnieren.

Was fehlt, wenn wir diese Bilder mit der politischen Bühne abgleichen? Das Abwerten des Gegners. Die Erniedrigung anderer zur eigenen Erhöhung.

Fußball ist Kooperation unter Konkurrenzbedingungen. So wie vieles im Leben. Wir leben nicht gegeneinander, sondern miteinander. Auch wenn am Ende eine Mannschaft als Sieger vom Platz geht: Es ist EIN Spiel, nicht das Ende unserer Geschichte. Wir begegnen einander immer wieder. Am besten mit Respekt.

Während einer Weltmeisterschaft erleben wir eine selbstbewusste, fröhliche Form eines Patriotismus des Miteinanders.

Während einer Weltmeisterschaft erleben wir eine selbstbewusste, fröhliche Form eines Patriotismus des Miteinanders. Eine Art Coopetition: Wettbewerb mit Wertschätzung für die Qualitäten anderer. Sympathie für Außenseiter. Hochachtung unter Spielern für die, die Verantwortung übernehmen und Risiken eingehen. Oft geht etwas daneben, aber die nächste Chance ist meist nur einen selbstlosen Pass entfernt.

Mehrere Zugehörigkeiten lassen viele öfter jubeln und zittern. Patchworkidentitäten spielen am Feld und bei Zuschauern längst zentrale Rollen. Die Herkunftsländer der Eltern. Das Land, in dem man aufgewachsen ist. Das Land, in dem man gelernt, gearbeitet hat oder in das man häufig reist. All das ist tief in der eigenen Biografie verankert.

Patriotismus bei einer WM: aufbauend und nicht zum Nationalismus verzwergt oder vergiftet von historischen Reinheitsfantasien.

Aber was ist eigentlich patriotisch im Alltag? Im Rettungswagen Leben retten – unabhängig davon, ob jemand betrunken, ungewaschen oder unfreundlich ist? Im Pflegeheim Menschen mit Demenz geduldig begleiten? Das nächste Blasmusik- oder Chorkonzert organisieren? Eine Pfadfinder- oder Jungschargruppe leiten oder ehrenamtlich Naturschutz betreiben? Ist es patriotischer, andere schlechtzumachen, zu verspotten oder gegeneinander auszuspielen?

Europa hat nach den nationalistischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts versucht, Spaltungen zu überwinden und eine Form des kooperativen Patriotismus zu entwickeln. Pasta, Baguette, böhmische Knödel oder Graved Lachs dürfen gepflegte Heiligtümer sein, ohne dass daraus Feindschaft entsteht.

Aber der Politologe Ivan Krăstev formulierte es im nachhörenswerten ORF-Gespräch mit Armin Wolf treffend: „Europa beruhte nicht so sehr auf einer gemeinsamen Vorstellung von der Zukunft, sondern auf der Ablehnung einer bestimmten Vergangenheit.“ Mit dem Krieg gegen die Ukraine ist diese Vergangenheit aus den Geschichtsbüchern nach Europa zurückgekehrt. Der fatale alte Nationalismus klopft auch wieder an die Tür unserer Demokratien – nur in neuer Verkleidung.

Vielleicht besteht unsere wichtigste Aufgabe darin, vom Möglichkeitsraum einer Fußball-WM zu lernen und in diesem Geist eine europäische Zukunft zu entwerfen, auf die wir gemeinsam stolz sein werden. Dafür brauchen wir gemeinsame Ziele und einen gemeinsamen Plan. Vor allem aber Geschichten, die uns auch in schwierigen Zeiten Zuversicht geben. Geschichten, die uns daran erinnern, dass manchmal selbst das Unmögliche gelingt – und sei es der Ausgleich gegen Algerien in letzter Sekunde.

Stefan Wallner

Stefan Wallner

war Generalsekretär der Caritas Österreich und von 2009 bis 2016 Generalsekretär der Grünen. Danach war er bis 2020 Head of Brand Management and Company Transformation bei der Erste Group. Heute ist er Geschäftsführer des Bündnis für Gemeinnützigkeit – der 2022 gegründeten Interessenvertretung des gemeinnützigen Sektors und der Freiwilligenorganisationen.