<small><i>Sven Gächter</i></small>
Abgesoffen

Markus Rogan erlebt den Tiefpunkt seiner Karriere. Ist es fair, ihm wegen eines Ausrutschers die nationale Gunst zu entziehen?

Natürlich könnte Markus Rogan Recht haben. Er könnte in der Nacht vom 1. auf den 2. August tatsächlich über Gebühr unsanft aus seiner Stammdiskothek „Shilling“ in Ostia bei Rom hinauskomplimentiert und, nachdem er neuerlich Einlass begehrte, von vier Securities in einem abgetrennten Raum brutal zusammengeschlagen worden sein. Natürlich könnte auch die „Shilling“-Version stimmen, ­wonach Rogan wegen Tanzens in angetrunkenem Zustand (noch dazu mit einer zerbrochenen Flasche in der Hand) des Lokals verwiesen wurde und beim Versuch, auf Umwegen wieder einzudringen, so unglücklich stürzte, dass er sich erhebliche Verletzungen zuzog. Man wird die ganze Wahrheit wohl nie erfahren, weil die Wahrheit in solchen Fällen immer in einer Grauzone angesiedelt ist und keiner der Beteiligten dabei jemals ganz exkulpiert werden kann. Diskothekenbesucher neigen in the heat of the night mitunter zu unkontrolliertem Verhalten und Securities im Gegenzug zu einer Übererfüllung ihrer angestammten Pflichten – schließlich sind sie nicht als Sozialhelfer engagiert.

Doch selbst wenn Rogan am Ende von allen gröberen Verdachtsmomenten freigesprochen werden sollte (was nach Lage der Dinge eher unrealistisch erscheint), wäre die „Shilling“-Affäre damit nicht aus der Welt geschafft, denn sie markiert eine dramatische Zäsur in einer prototypischen Prominentenkarriere. Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, läuft Gefahr, früher oder später darin umzukommen.

Der Honeymoon zwischen dem Schwimmstar und ­Österreichs Sportpatrioten dauerte recht lange, war in Wahrheit jedoch nie frei von Spannungen. Instant-Berühmtheit erlangte Rogan nach seinem zweiten Platz über 200 Meter Rücken bei den Olympischen Spielen in Athen 2004, als er die sturzbanale ORF-Reporterfrage, wie er sich nun fühle, mit charmanter Schnoddrigkeit konterte: „Was für eine originelle Frage! Wie sind Sie darauf gekommen?“ In diesem Kurzauftritt war bereits die ganze Rogan-Symptomatik konzentriert: Ein junger, hinreichend ­fescher und für österreichische Verhältnisse maßlos erfolgreicher Sportler stellte herzlich, aber bestimmt klar, dass er auch in puncto Intelligenz und Eloquenz volle Satisfaktionsfähigkeit beanspruchte. Das war ebenso erfrischend wie unerhört, denn es sprengte den in sportlichen Belangen gewohnten Konsens volkstümlich-biederer Dumpfheit.

Nach diesem fulminanten Einstand konnten die Dinge nur noch ihren vorgezeichneten Lauf nehmen. Rogan sonnte sich in der kollektiven Aufmerksamkeit, kapitalisierte sie nach Kräften auf dem Werbe- und Sponsorenmarkt und nutzte sie auch hemmungslos für das heimische Society-Parkett. Kurzum: Er begann zu nerven, was kein ernstes Problem darstellte, solange er im Schwimmen Oberwasser behielt, jener Disziplin, der allein er im Grunde seine Prominenz verdankte. Doch Rogans Narzissmus und Maulheldentum wurden ­immer spärlicher durch Erfolge legitimiert. Bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 holte er keine einzige ­Medaille, bei der Schwimm-WM in Rom soff er regelrecht ab. Mit der „Shilling“-Affäre – wie immer sie sich im Detail auch abgespielt haben mag – sorgte er selbst für den vorläufigen Tiefpunkt seiner Entzauberung.

Ist es fair, dem erfolgreichsten österreichischen Schwimmer aller Zeiten (27 Medaillen bei Großveranstaltungen) wegen eines Ausrutschers die nationale Gunst zu entziehen? Vielleicht nicht. Andererseits: Seit wann lässt die Öffentlichkeit, die tückischste aller zivilisierten Welten, sich von Fairnessüberlegungen leiten? Hier regiert der Spektakelwert, und der macht bekanntlich keinen Unterschied zwischen Everybody’s Darling und Public Enemy, auch und gerade dann, wenn es sich zufällig um dieselbe Person handeln sollte.

Markus Rogan ist zum Opfer derselben Dynamik geworden, die er jahrelang mit Gewinn für seine Zwecke instrumentalisierte, ohne sich dabei ausreichend zu vergegenwärtigen, dass diese Dynamik niemals unter Kontrolle gebracht werden kann, schon gar nicht von ihrem Hauptdarsteller. Er werde sich nun, verlautbart Rogan auf seiner Homepage, ­„einige Zeit zurückziehen, um mich von meinen körperlichen und seelischen Blessuren zu erholen und um über meine Zukunft nachzudenken“.

Rogans trotziges Selbstmitleid ist die spiegelbildliche Entsprechung der ihm nun allgemein entgegengebrachten Schadenfreude. Er wird lernen müssen, sich den marktüblichen Spielregeln von Celebrity zu unterwerfen, wenn ihm daran liegt, diesen Status beizubehalten, als Sportler oder als Banker. Im Unterschied zu Bernhard Kohl sind sein Ruf und seine Existenz nicht ruiniert, und mit 27 Jahren ist es auch noch nicht unbedingt zu spät, beispielsweise Privatmann zu werden. Intelligent genug wäre Rogan dafür auf jeden Fall – die Frage ist nur, ob er vom Aphrodisiakum Öffentlichkeit so leicht wieder loskommt.

sven.gaechter@profil.at