<small><i>Sven Gächter</i></small>
Augen zu und aus!

Wenn ein Auto nicht funktioniert, verschrottet man es halt und kauft sich ein neues. Sollte man mit Europa nicht genauso verfahren?

Als dieser Leitartikel in Druck ging, stand Europa noch – jedenfalls dem provisorischen Anschein nach. Die Griechen hatten noch nicht gewählt ; die Spanier hatten mit der Ankündigung, nun wohl doch offiziell unter den Rettungsschirm zu schlüpfen, die Märkte zu beruhigen versucht; die Italiener hatten mit der trotzigen Versicherung, den Rettungsschirm selbstverständlich nicht in Anspruch nehmen zu müssen, ihrerseits die Märkte zu beruhigen versucht – und Maria Fekter hatte das politische Establishment des Kontinents ausnahmsweise ein paar Tage lang nicht mit naturvergorenen Plaudereien der kollektiven Weißglut nahegebracht. In sturm- und zwanggebeutelten Zeiten wie diesen sind das schon gute Nachrichten. Die Frage ist nur: Wie ­viele schlechte Nachrichten verträgt Europa noch, ehe es sich endgültig von der schönen Illusion verabschiedet, als politische und ökonomische Union überlebensfähig zu sein?

Dass es sich dabei tatsächlich um eine schöne Illusion und leider nicht viel mehr handle, gilt mittlerweile durchaus als konsensfähiges Verdikt, das von unterschiedlichen Interessengruppen nur unterschiedlich brutal akzentuiert wird. Aus der permanenten Krise leitet der chronisch überforderte Sachverstand die Unausweichlichkeit eines Todesurteils ab und datiert es der Einfachheit halber gleich auf die Anfänge zurück: Europa, heißt es lapidar, werde mit unerbittlicher Konsequenz von seinen Geburtsfehlern eingeholt, weshalb man endlich die resignative Kraft aufbringen müsse, Sinn und Zweck der Geburt selbst infrage zu stel-len, nach der fatalistischen Devise: Was auf so spektakuläre Weise nicht funktioniert, ist offenbar prinzipiell nicht auf Funktionsfähigkeit angelegt. Operation misslungen, ­Patient tot – ihm war ohnehin nicht zu helfen. In einer minderkarätig bestückten TV-Talkrunde bemühte ein nassforscher Galgenhumorist kürzlich einen kruden Vergleich: Wenn ein Auto partout nicht fahre, müsse man es halt irgendwann verschrotten und ein neues kaufen. Das kleine Kollateralproblem, ob es einen Schrottplatz gibt, der groß genug für das Entsorgungsmodell Europa wäre, vertiefte er nicht weiter.

Man könnte es Europa nicht verdenken, sollte es unter dem Druck all der widerstreitenden Erwartungen tatsächlich bald krachend kollabieren.„Europa muss, seinem Erbe getreu, einen neuen Humanismus verkörpern, als Hort der Menschenwürde und der sozialen Gerechtigkeit“ (Richard von Weizsäcker, ehemaliger deutscher Bundespräsident) – „In zehn bis zwanzig Jahren muss Europa mit neuen ökonomischen Supermächten konkurrieren, die auch politische Ansprüche stellen“ (Günter Verheugen, ehemaliger EU-Kommissar) – „Europa muss den Prozess der Globalisierung beeinflussen“ (Giorgio Napolitano, italienischer Staatspräsident) – „Europa muss mehr sein als die Addition von 27 Ländern“ (Christoph Leitl, Wirtschaftskammerpräsident) – „Europa muss zusammenwachsen“ (Joachim Gauck, deutscher Bundespräsident) – „Europa muss jetzt eine Brandmauer errichten“ (Christine Lagarde, IWF-­Chefin) – „Europa muss aufwachen“ (Gerhard Schröder, ehemaliger deutscher Bundeskanzler).
Vereinfacht zusammengefasst: Europa muss als Hort der Menschenwürde zu einer konkurrenzfähigen globalistischen Brandmauer zusammenwachsen, kurz nachdem (oder bevor) es aufgewacht ist – allerspätestens aber in zehn bis zwanzig Jahren.

Wie jedes unter hehren Vorzeichen gestartete Großprojekt droht auch das europäische in den Niederungen des realpolitischen Alltags zu stranden. Vom Humanismus, den Richard von Weizsäcker 1990 salbungsvoll beschwor, scheint nicht viel mehr übrig geblieben zu sein als die zermürbende Diskussion über EFSF, ESM, Eurobonds, Fiskal- und Bankenunion. Viel gefährlicher noch als die dramatische Schuldenkrise aber ist der gar nicht mehr so latent um sich greifende Reflex, daraus den Schluss zu ziehen, Europa sei ganz offenkundig eine krasse Fehlkonstruktion, die man besser heute als morgen, nur bitte endlich wirklich, zusammenkrachen lassen sollte: Augen zu und aus!

Und dann? Dann erkennt man, dass Europas Problem nicht in der Über-, sondern in der Unterbelichtung liegt, in der kleingeistigen, nationalstaatlich grundierten Flickschusterei, die ihrerseits den bestechenden Grundgedanken des großen europäischen Projekts hartnäckig verrät: die Währungsunion als Funktion einer übergreifenden politischen Union zu verstehen. Bisher hat man es auf gut Unglück einmal umgekehrt versucht, mit den bekannten Ergebnissen. Europa – eine nervenzerfetzende Serie von kalten Neustarts? Da müssen wir durch.

sven.gaechter@profil.at