Sven Gächter: "Charlie Hebdo" - Meinungsfreiheit ist ein gefährliches Gut

Sven Gächter: "Charlie Hebdo" - Meinungsfreiheit ist ein gefährliches Gut

Die ersten Störgeräusche waren schon zu vernehmen, während ganz Europa noch im Hochgefühl der Meinungs- und Pressefreiheit schwelgte.

Einige der Karikaturen in "Charlie Hebdo“ seien, politisch korrekt betrachtet, durchaus problematisch gewesen, fühlte eine Bloggerin auf der Website des ORF-Jugendsenders FM4 sich bemüßigt anzumerken - zwei Tage nach dem mörderischen Anschlag auf die Redaktion des Pariser Satireblattes! Sie erfüllte damit nicht nur den Tatbestand der Pietätlosigkeit, sondern vor allem auch jenen einer akuten intellektuellen Fehlsteuerung, wies sie den "Charlie“-Zeichnern implizit damit doch eine gewisse Mitschuld an deren Tod zu. In höchsten türkischen Regierungskreisen wiederum wird eine ähnlich revanchistische Sicht der Dinge ganz unverhohlen propagiert.

Außenminister Mevlüt Cavusoğlu erklärte, Islamophobie und Terrorismus nährten einander gegenseitig; Premierminister Ahmet Davutoğlu sah anlässlich seiner Europareise in der vergangenen Woche das Grundproblem weniger in der Gewaltbereitschaft des Islam als in der mangelnden Toleranz des Westens gegenüber Muslimen. Und da er gerade so schön in Fahrt war, setzte er die Pegida-Demonstranten mit dschihadistischen Terroristen gleich und rückte seinen israelischen Kollegen Benjamin Netanjahu in die Nähe der Attentäter von Paris. Als einzige türkische Zeitung druckte die linksliberale "Cumhuriyet“ das aktuelle Coversujet von "Charlie Hebdo“, einen weinenden Mohammed, nach. Die Staatsanwaltschaft von Istanbul nahm umgehend Ermittlungen wegen des Verdachts auf "Anstiftung zum Hass“ auf. Meinungsfreiheit ist ein brandgefährliches Gut.

sven.gaechter@profil.at