<small><i>Sven Gächter</i></small>
Desinformationsbedarf

Der Fall Helmut Zilk beweist: Österreich funktioniert noch immer nach einem seit Jahrzehnten zornig kultivierten Prinzip – bloß keine Aufklärung!

Die Woche begann mit einem Wutausbruch. „Vorwürfe gegen Zilk sind haltlos“, titelte die „Kronen Zeitung“ auf Seite eins und bot als empörte Kronzeugen den Bundespräsidenten, den Bundeskanzler sowie diverse „Weggefährten“ auf. Der dienstälteste Weggefährte, Cato himself, hieb auf Seite drei schäumend in die Tasten: „Ungeheuerlich!“ Er verwahrte sich im Namen des verstorbenen Wiener Altbürgermeisters gegen die vorwöchige profil-Coverstory, ­wonach Zilk in den sechziger Jahren gegen Bezahlung mit dem CSSR-Geheimdienst zusammenarbeitete, und gab damit Richtung und Ton einer klassischen „Krone“-Kampagne vor, ­deren Substanz sich durch nichts von dem unterscheidet, was als Geschäftsgrundlage aller Geheimdienste gelten kann: Desinformation. Herbert Lackners Enthüllungen wurden taxfrei als „versuchter Rufmord“ abgetan, die gegen profil vorgebrachten Argumente nicht etwa durch solid ­belegte Fakten, sondern ausschließlich durch namenlose Entrüstung untermauert.

Der Umgang mit einem äußerst fragwürdigen Kapitel in Helmut Zilks Vita bietet wieder einmal einen grotesken Zerrspiegel der öffentlichen Auseinandersetzung Österreichs mit seiner Vergangenheit und deren Repräsentanten. Zentrale Bastionen des heimischen Journalismus spielen ­dabei eine unrühmliche, nach Maßstäben von Professionalität und Unabhängigkeit geradezu sittenwidrige Rolle. ­Reflex ersetzt Recherche, statt der Wahrheit weiß man sich einem unerschütterlichen Weltbild verpflichtet, und ehe man einen penibel geführten Gegenbeweis antritt, verunglimpft man jene, die dieses Weltbild infrage stellen, wodurch auch immer. Das sind seit jeher die Mechanismen des Medienboulevards – sie wären, bei aller Missbilligung, leichter zu ertragen (und zu bekämpfen), wenn der Medienboulevard in diesem Land mit „Kronen Zeitung“, „Heute“ und ­„Österreich“ nicht eine so erdrückend übermächtige Präsenz hätte.

Während im Dichand-Reich von Anfang an die ­Parole Gegenangriff ausgegeben und beinhart durchexekutiert wurde, fand man im Fellner’schen Parallelkosmos tagelang keine konsistente Linie. Auf der Titelseite kam die Tränendrüse zu ihrem Recht, ansonsten ­jedoch wurden die profil-Erkenntnisse großzügig ausgeweidet (selbstverständlich ohne Quellenangabe). Als am Mittwoch ein verschollen geglaubter Staatspolizei-Akt von Zilk auftauchte, der in Wahrheit Lackners Recherchen bestätigte, verstieg sich eine „Österreich“-Redakteurin allen Ernstes zu der auf profil gemünzten Konklusion, nun sei wohl eine Entschuldigung fällig. Nach diesem krausen Ethik-Code müsste „Österreich“ täglich ein Drittel seines Umfangs mit Entschuldigungen bestreiten. „News“ wiederum grub aus seinem Archiv ein Interview aus, das der frühere (2007 verstorbene) Herausgeber Alfred Worm 1998 mit Zilk führte, als der ­Spionageverdacht erstmals publik, allerdings noch durch keinerlei Dokumente erhärtet wurde. Warum es eine hinreichende Entlastung darstellen soll, dass Zilk „bereits ­damals“ dementierte, bleibt dabei ein Rätsel.

Die Causa Informator ist weit mehr als eine kleine, ­kuriose Agentenpistole: Sie betrifft die Einschätzung einer schillernden Biografie, die nach den jüngsten Erkenntnissen nicht neu geschrieben, aber teilweise jedenfalls neu bewertet werden muss (was nicht zuletzt all jene sehr genau wissen, die sich nun in ihrer Erregung einmauern). Sie ­betrifft die Funktionsweisen von Macht, Geltung und ­Hagiografie in Österreich, die sich über Jahrzehnte hinweg offenbar kaum verändert haben. Und sie betrifft nicht zuletzt – der wohl wichtigste Aspekt – den Zustand der Medien, also der Öffentlichkeit. Wenn es, allen vordergrün­digen Modernisierungstendenzen zum Trotz, nach wie vor nicht möglich ist, Wahrheitsfindung auf die einzig legitime – nämlich faktengetreue – Art zu betreiben, ohne dadurch gleich die Konterrevolution der Offizialität und ihrer rabiaten Erfüllungsgehilfen heraufzubeschwören, dann steht es um die generelle mediale Verfasstheit eines Landes exakt so schlecht, wie man es in Österreich täglich in den krudesten Ausformungen studieren kann.

Die aktuellen Turbulenzen um den ORF sind Symptom und Resultat derselben Mentalität, die auch den Zilk-Diskurs über weite Strecken bestimmt: Es geht nicht im selbstverständlichen Bewusstsein demokratischer Ideale darum, Transparenz herzustellen oder immerhin zuzulassen, dass Transparenz hergestellt werden kann. Es geht vielmehr darum, alle strukturellen, aber auch personellen Vorkehrungen zu treffen, um zu verhindern, dass Transparenz – sprich: Presse- und Informationsfreiheit – zum unantastbaren Standard wird. Von diesem Standard ist Österreich derzeit weiter entfernt denn je: Die Politiker bemühen sich gar nicht erst zu verschleiern, dass sie kein Interesse daran haben. Und, was in Wahrheit noch viel schlimmer ist: Der Medienboulevard macht sich – sei es aus ökonomischen, sei es aus ideologischen Gründen – zum willfährigen Büttel einer Staatsräson, die alles will, nur keine Aufklärung.

sven.gaechter@profil.at