<small><i>Sven Gächter</i></small>
Die Mutter aller Debatten

<small><i>Sven Gächter</i></small>
Die Mutter aller Debatten

Selten hat ein journalistischer Text so epidemische Kreise gezogen – noch dazu ein Text, der von vergleichsweise wenigen Menschen im Original gelesen wurde.

Weil er sich komfortabel auf zwei Kernsätze reduzieren lässt: „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ – ­„Politiker verfallen doch alle Journalistinnen.“ Der deutsche FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle war angeheitert und altherrenwitzig ­genug gewesen, um die „Stern“-Reporterin Laura Himmelreich mit derlei Verschwitztheiten zu bedrängen. Sie schrieb ein Jahr später ­darüber und trat die Mutter aller Debatten des Jahres 2013 los.

Wie jede ernst zu nehmende Debatte wird auch diese äußerst kontrovers geführt und durch die reproduktive Kraft von konventionellen und digitalen Leitmedien auf ein Erregungsniveau hochgeschaukelt, das sich vom eigentlichen Anlassfall längst entkoppelt hat. Rechtfertigen die Fehltritte eines 67-jährigen Schwerenöters wirklich ein so ohrenbetäubendes Gegenstimmengewirr?, fragen die selbst ernannten Anti-Hysteriker süffisant und beweisen damit, dass sie nichts von der Turbodynamik eines maximal öffentlichen Gesprächs verstanden haben. Es geht dabei nämlich nicht um Herrn Brüderle, es geht um den Gestus verkappter Frauenfeindlichkeit, den Brüderle verkörpert, und wenn der ganz alltägliche Sexismus einen vordergründig so harmlos wirkenden Anstoß braucht, um spät, aber machtvoll zum Megathema zu werden, schmälert das die Relevanz der Diskussion nicht im Geringsten.

„Wie verrückt sind die Medien eigentlich geworden?“, unkte ausgerechnet der frühere deutsche Kulturstaatsminister Michael Naumann in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“: ob es denn im Ernst nichts Wichtigeres gebe als die Lallstudien eines „offenkundig beschwipsten Politikers mit eingeschränktem Anstandsgefühl“. Tatsächlich gibt es Wichtigeres, und genau darüber wird seit zehn Tagen ein breit angelegter Diskurs geführt, dessen erste Prämisse in der Einsicht besteht, dass hier nicht einfach nur Regeln des „Anstands“ verhandelt werden, sondern Grundprinzipien des Umgangs zwischen den Geschlechtern. Frauen fordern von Männern keine guten Manieren, sie fordern schlicht den Respekt vor ihrer menschlichen Integrität ein, in jeder Hinsicht und in jeder Lebenslage. Rainer Brüderle könnte ­ihnen völlig wurscht sein, wenn es nicht so viele davon gäbe.

Die „Medien“ fungieren in diesem Kernenergiefeld ausnahmsweise nicht als Durchlauferhitzer für Trivial-Hypes der Marke Dschungelcamp, sie erfüllen vielmehr ihre zentrale Funktion: Öffentlichkeit herzustellen. Dass die Öffentlichkeit so aufgewühlt reagiert, spricht nicht gegen die Medien; es belegt im Gegenteil die Virulenz einer gesellschaftlichen Realität. Selten hat ein journalistischer Text sinnvollere Erregungen gestiftet.

sven.gaechter@profil.at